Mittwoch, Dezember 15, 2004

Wem das Handy kuckuckt

Piept´s bei Ihnen auch manchmal? Könnte sein, dass mein Frankfurter Parteivorsitzender neben Ihnen steht und einen Anruf auf seinem Handy erhält. Hat was Bodenständiges, finde ich. Meine Oma hatte früher auch ne Kuckucksuhr in der Küche an der Wand. Hat sie mal von ner Busfahrt aus dem Schwarzwald mitgebracht. 

 Als Anhänger der strukturfunktionalistischen Lehre von Bronislaw Malinowski, den ich als "Vater aller Feldforschung" während meines Ethonologie-Studiums in Mainz schätzen gelernt habe, mache ich mir natürlich Gedanken über die Wahl des Klingeltons. Mir gefällt momentan die Melodie vom Kinofilm "Der Exorzist" recht gut. Da mein olles Nokia nur monogam und nicht polyphon ist, bleibt es bis auf weiteres bei der Melodie von "Axel F." aus dem Beverly Hills Cop. 

 Doch zurück zu Malinowski. In seinem 1929 erschienen Werk "Über das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien" beschreibt er detailliert die soziale Organisation der Trobriander, d.h. ihre sozialen Riten, ihre Partnerwahl und ihr Sexualverhalten. Ihn beeindruckte, dass Sexualität gerade nicht - wie damals in Mitteleuropa üblich - verdrängt wird, sondern zum Alltag der Menschen gehörte. So standen den Jugendlichen so genannte Jugendhäuser zur Verfügung, wo sie ihre Sexualität spielend ausprobieren können. Dies wurde als wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden betrachtet und von der gesamten Gemeinschaft gefördert. Ohne Stoppuhr oder Kuckucksruf. 

 Was bedeutet es nun, wenn der Frankfurter SPD Vorsitzende, der ja auch gleichzeitig Dezernent für Jugend und Soziales ist, einen Kuckuck als Klingelton auf seinem Handy installiert hat? Immerhin zählt der "Cuculus canorus" nicht gerade zu den friedliebenden Singvögeln (was für ein Klingelton hat eigentlich unser Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff?), sondern ist ein ausgewiesener Raubvogel. Er (der Kuckuck, nicht der Sozialdezernent) baut kein eigenes Nest, sondern legt sein einziges Ei in fremde Nester. Ist also ein Brutschmarotzer. Kuckucksküken haben die Angewohnheit, andere Vogelkinder einfach aus dem Nest zu werfen. 

Ist der Kuckuck auf dem Handy also der akustische Vorbote, dass der Vorsitzende der Frankfurter SPD die linken Küken bei der nächsten UBV-Wahl im April kommenden Jahres für eigene Singvögel aus dem Nest werfen wird? Umgangssprachlich ist der Kuckuck ja auch die Bezeichnung für das amtliche Pfandsiegel des Gerichtsvollziehers, welches bei Konkurs auf gepfändete Gegenstände geklebt wird. Doch ich glaube nicht, dass der Parteivorsitzende mit seinem Handy darauf aufmerksam machen will, dass der Pleitegeier über der Frankfurter SPD kreist. 

 Vielleicht kuck´ ich heute abend noch mal bei jamba.de rein. Einfach aus Interesse, was es noch so an Vögeln und Tönen gibt.

Freitag, Dezember 10, 2004

Rammstein

Wir waren namenlos, ohne Lieder, etwas wortlos, waren wir nie wieder, etwas sanglos, sind wir immer noch, dafür nicht klanglos, man hört uns doch.

Sie waren nicht zu überhören. Rammstein. Ein optisches und akustisches Klanggewitter, das über Frankfurt hereinbrach. Klänge, die das Adrenalin pumpen lassen. Eine Lightshow, die mit optischen Symbolen überwältigt. Die Bühne, eine Mischung aus Kernkraftwerkszentrale im Innern eines lange versunkenen U-Boots. Und eine Pyroshow, die auch dem Letzten in der völlig ausverkauften Festhalle einheizte.

Nach einem Windstoß, ging ein Sturm los, einfach beispiellos, Es wurde Zeit, Los!

1993 gegründet ist Rammstein heute einer der erfolgreichsten deutschen Musikexporte. Ob Russland oder Amerika, die Gruppe gehört zu den bekanntesten Bands aus Deutschland, deren kompromissloser Stil und düster-schwermütigen deutschen Texte im Ausland sehr gut ankommen. Auch ich kann mich der Faszination von Frontsänger Till Lindemann absolut nicht entziehen.

Sie waren sprachlos, zu sehr schockiert, Sehr ratlos,"Was war passiert?" Etwas fassungslos, und garantiert, verständnislos, "Das wird zensiert!"
"Wenn mein Vater wüsste, dass ich heute abend bei Rammstein auf dem Konzert gewesen bin, würde er mich enterben," flüstert ein junger Mann mit Mannheimer Dialekt verschwörerisch seinen Freunden zu, die mit ihm auf die 16 warten. Die anderen nicken verständnisvoll. Mir erging es nicht besser, eine Menge Freunde und Bekannte hat mich irritiert bis erstaunt angesehen, als ich sagte, ich hätte auch eine Karte für das ausverkaufte Konzert. "Ist das politisch korrekt?" fragte mich einer. Die politische Ausrichtung von Rammstein hat schon immer polarisiert. Seit ihren Gründungstagen haftet der Band ein braunes Image an. Der tiefe expressive Gesang mit charakteristischem rollendem „r“ und die Brachialität ihrer Texte haben Rammstein ein Nazi-Image verpasst. Doch Glatzen mit Springerstiefeln sind heute abend in der Festhalle eher eine verschwindende Minderheit.

Sie sagten grundlos: "Schade um die Noten, So schamlos! Das gehört verboten! Es ist geistlos, was sie da probieren, so geschmacklos, wie sie musizieren, Es ist hoffnungslos! "hirnlos,hilflos, Sie sind gott...los!

Rammstein selbst hat immer wieder erklärt, dass sie sich als unpolitische Band sehen. Auf ihre Lightshow, die Laserstrahlen zu gigantischen Lichtkathedralen in der Festhalle auftürmt, wäre jedoch auch eine Leni Riefenstahl stolz gewesen. Vielleicht macht man es sich mit der Fascho-Klatsche aber auch zu einfach? So wie die FAZ, die im Sommer über die Fans von Rammstein, Schiller und Wolfsheim schrieb, dass das die Generation der "Böhsen Enkelz" sei, die nichts verstanden hätte. Es ist immer leichter, andere als "Nazis" in die braune Ecke zu stellen. Wenn man keine Lust hat, sich mit der Musik von Rammstein auseinanderzusetzen. Ehrlicher wäre vielleicht zu sagen, dass man die martialische Richtung der Band einfach nicht mag. Das zu schreiben wäre jedoch langweilig. Würde nicht genug Aufmerksamkeit in den Feuilletons erregen und weiter polarisieren. Und wer ehrlich ist, weiß dass Rammstein mit dem Feuer spielt, wenn sie Songs wie "Links 234" mit einem militärisch stampfenden Stil und einem Video mit tausenden von gleichgerichtet marschierenden Ameisen konterkarrieren.

Wir waren namenlos, wir haben einen Namen, waren wortlos, die Worte kamen, Etwas sanglos, sind wir immer noch, dafür nicht klanglos, das hört man doch! Wir sind nicht fehlerlos, nur etwas haltlos, ihr werdet lautlos, und ... los

Rammstein spielt mit Ängsten. Vor Tod und Verstümmelung zum Beispiel. Als "Mein Teil" angestimmt wird, jagt Till Lindemann zu Sätzen wie "Die stumpfe Klinge gut und recht, ich blute stark und mir ist schlecht, muss ich auch mit der Ohnmacht kämpfen, ich esse weiter unter Krämpfen" mit blutiger Schürze, Kochmütze und Schlachtermesser um einen riesigen Kochtopf über die Bühne. In Anspielung auf Armin Meiwes, den die Boulevardpresse als "Kannibalen von Rothenburg" bezeichnete, tobt der Saal zum Refrain "Denn, du bist, was du isst."

Wir waren namenlos, und ohne Lieder, recht wortlos, waren wir nie wieder, Etwas sanglos, sind wir immer noch, dafür nicht klanglos, man hört uns doch. Nach einem Windstoß, ging ein Sturm los, einfach beispiellos. Wurde zeitlos. Wir waren los, Wir waren los... (Textpassagen von "Los", vom Album "Reise,Reise")

Nach mehreren Zugaben verlasse ich zur Musik von "Engel" tief beeindruckt die Festhalle. Vor mir tragen zwei junge Mädels im Gedränge die neuesten T-Shirts der Rammstein-Tour 2004. Und ich lese "Weiter, weiter ins Verderben. Wir müssen leben, bis wir sterben." Noch lange hallen die Klangwelten von Songs wie "Du hast" in meinen Ohren nach.

Donnerstag, Dezember 09, 2004

eBay wird Duldung von Identitätsklau verboten

Hatte ja im Oktober über meine Geschichte mit eBay und dem Identitätsklau in drei Akten hier geschrieben. 


Anscheinend gibt es jetzt wieder Bewegung, denn heise.de hat gestern berichtet, dass ein Gericht eBay verbietet, Identitätsklau zu dulden 

Am vergangenen Freitag, dem 3. Dezember, hat das Amtsgericht (AG) Potsdam eine Entscheidung getroffen, die neue Bewegung in zahlreiche Fälle von Identitätsklau durch eBay-Betrüger bringen dürfte (Az. 22 C 225/04, siehe auch die Website des Klagevertreters). Geklagt hatte ein eBay-Teilnehmer, dessen Namensdaten für Acccountfälschungen missbraucht worden waren. Er wollte eBay daran hindern, weiterhin Anmeldungen von Fake-Accounts unter Benutzung seiner Adress- und Geburtsdaten zuzulassen, und hatte bereits im Februar beim gleichen Gericht eine entsprechende einstweilige Verfügung gegen die Betreiber erwirkt, die nun durch das Hauptsacheurteil in erster Instanz bestätigt wurde. Das AG Potsdam hat die Unterlassungsklage des eBay-Teilnehmers als begründet anerkannt und den Betreibern des Online-Marktplatzes als "mittelbaren Störern" verboten, unter Namen und Anschrift des Klägers andere Teilnehmer als ihn selbst zum Handel auf eBay zuzulassen. Sollte dies doch geschehen, droht den Betreibern die Zahlung eines Ordnungsgelds in Höhe von 250.000 Euro. Der Streitwert für das Verfahren war auf 52.650 Euro festgesetzt worden. 

 Der Kläger hatte darauf hingewiesen, dass die eBay-Betreiber durch die Schaffung ihrer Handelsplattform eine Gefahrenquelle geöffnet haben, die einen Identitätsdiebstahl relativ einfach ermöglicht. Das Gericht schloss sich der Ansicht an, eBay sei somit dazu verpflichtet, bei vorliegenden Hinweisen auf bereits erfolgten Missbrauch der Namensdaten des Klägers weitere Transaktionen dieser Art zu verhindern. 

Die klagende Partei argumentierte unter anderem mit dem "Rolex-Urteil" des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 11. März 2004 (Az. I ZR 304/01). Dieses geht davon aus, dass ein Internet-Auktionshaus wie eBay nicht nur verpflichtet ist, Angebote zu sperren, die Rechte Dritter verletzen, sondern darüber hinaus auch Vorsorge dafür zu treffen hat, dass es in der Zukunft nicht zu weiteren gleich gelagerten Rechtsverletzungen kommt. Die eBay-Betreiber hatten eingewendet, man könne nicht einfach eine verpflichtende Identitätsprüfung einführen. Das hielt das Gericht auch nicht allgemein für nötig: "Die Beklagte (muss) eine Identitätsprüfung nur in einem ihr zumutbaren Rahmen durchführen ..." 

Da aber der Kläger die Marktplatzbetreiber bereits darauf hingewiesen hatte, dass seine Daten von Dritten für unsaubere eBay-Geschäfte missbraucht worden waren, sah das Gericht nun die Betreiber in der Pflicht, eine Fortsetzung dieses Accountdiebstahls und damit auch weitere Neuanmeldungen unter den Namens- und Adressdaten des Klägers zu verhindern. Dem Einwand der beklagten Partei, wer seine Adresse und sein Geburtsdatum irgendwo im Internet bekannt mache, sei selbst schuld, wenn andere diese Daten zum Einrichten von Fake-Accounts auf dem Online-Marktplatz nutzen würden, mochte das Gericht sich nicht anschließen. 

 Die Vorgeschichte des Falls dauert bereits über ein Jahr. Der nunmehr erfolgreiche Kläger hatte festgestellt, dass unter seinem Namen, aber mit einem fremden Account Pullover bei eBay angeboten worden waren und der unbekannte Anbieter die Käufer mit mangelhafter Ware oder gänzlich unterbliebenen Lieferungen über den Tisch zog. eBay hat bereit angekündigt, gegen die noch nicht rechtskräftige Gerichtsentscheidung Berufung einzulegen. 

Wenn sich die Rechtsauffassung des AG Potsdam durchsetzt, haben Opfer von eBay-Accountfälschern, deren Daten trotz Hinweisen an das Unternehmen weiterhin für Fake-Accounts missbraucht werden, eine günstige Voraussetzung, um Unterlassungsansprüche gegen eBay geltend zu machen. 

Dass bislang beim Anlegen eines eBay-Accounts kein eindeutiger Identitätsnachweis zwingend notwendig ist, sehen viele Kritiker als schweres Manko an. Die seit Februar 2003 von eBay für die Anmeldung neuer Teilnehmer praktizierte Schufa-Nachfrage verifiziert lediglich Postanschrift und Geburtsdatum -- Accountfälscher konnten solche Daten vielfach durch das Absuchen von Websites gewinnen. 

 Mitarbeiter des deutschen eBay-Zweigs hatten gegenüber c't bereits im Mai 2004 Stellung zum Problem des Identitätsklaus bezogen. Dabei sprachen sie sich sowohl gegen den Vorschlag aus, dass Mitglieder per Checkbox das Einrichten neuer Accounts unter der eigenen Anschrift verhindern könnten, als auch gegen die schnelle und verbindliche Einführung digitaler Signaturen zum Kundenschutz. 

Till Göhre, Senior Product Manager, wies darauf hin, der Online-Marktplatz verfüge schon über "durchaus effektive Tools" zur Lösung des Problems, und Wolfgang Weber, Leiter des Bereichs Internetsicherheit bei eBay, verwies auf Einrichtungen wie etwa den Status "geprüftes Mitglied", der eine Identitätsüberprüfung voraussetzt. Da es dabei jedoch um freiwillige Maßnahmen geht, nützt dergleichen gegen Accountfälscher nichts. Auch mit dem Hinweis darauf, dass der deutsche eBay-Zweig keine proprietären Alleingänge starten könne und an technische Entscheidungen aus den USA gebunden sei, werden die Marktplatzbetreiber sich nicht auf Dauer den Erfordernissen eines wirksamen Identitätsschutzes verschließen können. (psz/c't) 

Ihr könnt gar nicht glauben, wie ich mich über dieses Urteil freue.