Sonntag, April 30, 2006

Sex Sells

Ich hab angefangen, mir eine Burka zu häkeln. Pünktlich zum nächsten SPD Parteitag am 12. Mai muss die fertig werden. Denn die Jusos haben mit dem E 9 einen Antrag eingereicht, der die Partei auffordert, in Zukunft bei Werbemaßnahmen auf sexuelle Motive zu verzichten. Und die Antragsprüfungskommission, oberste Gralshüterin sozialdemokratischen Gedankenguts, hat Absolution, also Annahme, empfohlen.

Das wäre ja nun alles wirklich diskurswürdig, wenn die Frankfurter SPD im letzten Wahlkampf mit "Sex Sells" fette Mehrheiten eingefahren hätte. Mit 24 Prozent sind wir aber weit davon entfernt, auf die Frankfurter Bevölkerung auch nur annähernd sexy zu wirken. Wenn es nicht diese kleine Kuh gegeben hätte, die für die Sozialdemokraten mit klimpernden Wimpern a lá Disney-Bambi im Kino ins Rennen gegangen wäre, hätten wahrscheinlich noch viel weniger Leute mitbekommen, dass am 26. März Kommunalwahl war. 

Und wenn ich mal ernsthaft Bilanz der SPD-Kampagne ziehe, dann war das „Projekt Heimat Frankfurt“ doch eher durch Rüschenblusen und weniger durch Leidenschaft gekennzeichnet. Zumindest hab ich keine aufreizenden Plakate meiner Geschlechtsgenossinnen in Niederrad, im Nordend oder in Praunheim gesehen. Tagsüber mein ich jetzt, keine Ahnung, vielleicht stellen die Ortsvereine nachts ja andere Ständer raus und ich hab mal wieder was verpasst. Ich hab nur hochgeschlossene, wohl frisierte und ordentlich bebrillte Frauen gesehen. Und keine zerzausten Feger mit Strapsen, High Heels, Arschgeweih und Ausschnitt bis zum gepiercten Bauchnabel. 

 Oder hat jemand gesehen, dass unser Vorsitzender und OB-Kandidat Franz Frey als „Hugh Hefner aus Unterliederbach“ in einem Testosteronanfall 15 knapp bekleidete Blondinen auf dem Teppich vor sich her geschoben hat? Nee, das waren Bauklötze, die ihm seine Enkel vor den Holzbagger gelegt hatten. 

Und unser Spitzenkandidat Klaus Österling hat auch nicht im schwarzen Gummidress als Fraktions-Dominator in Fetisch-Manier das Rippchen auf dem Teller mit nem Lederriemen gezüchtigt. Sondern ganz artig im Anzug mit Messer und Gabel seine Leibspeise fürsorglich aufmunternd zugelächelt. Und damit wirklich niemand auf erotische Gedanken kommen konnte, stand auf dem Bembel neben seinem Teller dick und fett „Zum Lahmen Esel“. Das war zwar der Name der Ebbelwoi-Kneipe, wo das Foto fürs Großflächenplakat geschossen wurde. 

Aber sind wir mal ehrlich, die Wahlkampfleitung hat wirklich alles getan, damit niemand, aber auch niemand auch nur annähernd auf die Idee kommt, die SPD wolle mit einem Schuss Erotik die Schwarzen und die Grünen becircen, um auch in Zukunft als unverzichtbarer Kohabitionspartner im nächsten Dreier oder Vierer im Römer wieder mitzumischen. 

Um also irgendwie erotisch zu wirken, brauchte die SPD dann ne Kuh. So ein kleines, harmloses Geschöpf, das durfte es aber faustdick hinter den Ohren haben. Diese kleine Kuh hatte sich in den großen starken Stier verknallt und hat versucht, ihn flach zu legen. So gut das eben geht. Ich finde das ziemlich emanzipiert von dem Vieh, die wollte nicht abwarten, bis mal irgendein Hornochse vorbei trudelte, um mit ihr Antragsberatung zu machen. Und liebe Leute, wen hätte die Kuh denn sonst anhimmeln sollen? Franz Frey oder Klaus Österling? Da hätte der sozialdemokratische Kuhstall sicher aber noch mehr gewackelt. 

All´ das, sagen die Jusos, ist in Zukunft nicht mehr politisch korrekt. Keine Kühe, keine Werbung, keine Erotik. Nur noch Inhalte pur, Alfred Tetzlaff lässt grüßen. Mal gespannt, wann die Frankfurter SPD beschließt, dass wir zum Lachen nicht mehr ins Kino, sondern in den Keller gehen. 

Wäre der E 9 von der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischen Frauen gekommen, hätte ich das ja noch als politisch korrekt abgebucht. Aber die Jusos, die ihr ganzes erotisches Leben eigentlich noch vor sich haben, sagen „No“. Jungs und Mädels: no sex = no risk = no fun. Leute, Alice Schwarzer wäre stolz auf Euch. 

Klar, wir machen am nächsten Samstag dann Business as usual, Schaufensteranträge gegen Fundamentalismus und Extremismus, gegen Kopftücher, Ehrenmorde und stimmen für die Befreiung der afghanischen Frauen von der Burka. Und um zu zeigen, wie perfekt wir sind, beschließen wir dann auch auch noch den E 9, der die Frankfurter SPD endgültig ins politische Absurdistan katapultiert. Ich hoffe mal, dass das Wahlergebnis die Frankfurter SPD am 12. und 13. Mai auf den Boden der Tatsachen zurück bringt. Noch mal 20 Prozent brauch´ ich nicht.

Freitag, April 14, 2006

Herr A. aus Tokyo

Ich hab´s getan. Mich hat die Idee des "Zu Gast bei Freunden" inspiriert. Und ich hab ein WM-Zimmer für ein paar Tage bei Immoscout 24 inseriert. Wollt mal kucken, wer sich da so meldet. Zwei Engländer waren an ner Woche interessiert (sie beschrieben sich als ruhige Studenten, die die Partie gegen Paraguay hier in Frankfurt kucken wollten). Dann schrieb ne Russin, die aber eher nach "mein Touristenvisum ist noch nicht klar, aber ich komme" klang. Und ein Österreicher, der anfragte, ob es auch ein paar mehr Ösis sein könnten, sie wären eigentlich zu sechst und für wie viele das Zimmer reiche. Und vorgestern dann Herr A., per E-Mail aus Tokyo, ob das WM-Zimmer noch frei sei. Sehr freundlich, irgendwie passte mir der Schreibstil, so höflich formuliert. Da hab ich zugesagt. Und gehör jetzt zu den Frankfurtern, die "Zu Gast bei Freunden" während der Fussball-WM eben ein bisschen "mehr" praktizieren. Nicht nur Fahne schwenken und nen Button tragen. Die Idee des "Zu Gast sein" hat mich ein bisschen an früher erinnert. Ans Fliegen. Da hab ich oft Menschen unterwegs kennengelernt, die nett und zuvorkommend waren, und mir manchmal einfach nur weitergeholfen haben. Und irgendwas davon kann ich jetzt, wenn alle Welt im Juni auf Deutschland schaut, eben wieder zurück geben. Und das hat mir an der Idee des WM-Zimmers zu vermieten irgendwie gut gefallen. Herr A. aus dem fernen Japan ist herzlich willkommen.