Dienstag, Oktober 29, 2013

"Für starke Bürgerrechte in der digitalen Welt"




SPD-Sachsenhausen beschließt Antrag "Für starke Bürgerrechte in der digitalen Welt" auf Mitgliederversammlung am 29. Oktober 2013 für Landesparteitag

Die SPD ist auch im digitalen Zeitalter die Partei der Bürgerrechte. Die EU-Richtlinie 2006/24/EG verpflichtet Deutschland immer noch dazu, ein Gesetz zu erlassen, durch welches alle Telekommunikationsunternehmen angehalten werden, die Verbindungsdaten ihrer Kundinnen und Kunden mindestens sechs, höchstens 24 Monate zu speichern. Auf Verbindungsdaten von tatverdächtigen Kunden sollen die Ermittlungsbehörden der Mitgliedstaaten unter bestimmten Voraussetzungen zugreifen dürfen. Das Bundesverfassungsgericht hat das Gesetz, mit dem diese Richtlinie in deutsches Recht umgesetzt werden sollte, für verfassungswidrig erklärt. Die SPD hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts begrüßt. Für uns ist klar: Datenschutz und Grundrechte müssen gestärkt werden. Nur in diesem Rahmen wäre eine Vorratsdatenspeicherung in Deutschland überhaupt möglich gewesen. Die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Führung von Frau Merkel hat es jedoch nicht geschafft, rechtlich Klarheit zu schaffen, denn das sogenannte Quick-Freeze-Verfahren, wonach erst bei Verdacht auf Vorliegen einer Straftat die bei den Providern vorhandenen Daten „einzufrieren“ sind, bringt keinen zusätzlichen Nutzen, ist für die Gewährleistung einer effektiven Strafverfolgung untauglich und verletzt darüber hinaus rechtsstaatliche Grundsätze.

Die im Sommer 2013 bekannt gewordene Überwachung von Daten durch amerikanische und britische Geheimdienste ist ein Thema, dem sich die SPD stellen muss. Wir alle haben erfahren - obwohl Geheimdienste unsere Internetinfrastruktur gefährden – dass die EU an der Vorratsdatenspeicherung festhalten will. Durch die Enthüllungen Edward Snowdens wurden im Sommer 2013 die umfangreichen Spähprogramme der amerikanischen NSA und des britischen GCHQ bekannt. Viele Fragen sind jetzt offen: Wie viel und nach welchen Mustern überwachen Geheimdienste deutsche Bürgerinnen und Bürger? Wer hat davon gewusst? Waren deutsche Geheimdienste involviert? Die hessische SPD hält es deshalb für gefährlich, die Bürgerinnen und Bürger im Unklaren zu lassen. Denn Unsicherheit führt dazu, dass manche sich und ihre Kommunikation vorsorglich selbst zensieren. Es stünde also schlecht um die Freiheit. Es ist zu prüfen, solange die Sachverhalte nicht geklärt sind, die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA auszusetzen.

Deshalb fordern wir sowohl die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag als auch die SPD-Fraktion im Europaparlament – mit Blick auf die Europawahl am 25. Mai 2014 - auf, sich umgehend mit diesem Thema zu beschäftigen. Denn gegen Deutschland läuft immer noch ein Vertragsverletzungsverfahren wegen Nicht-Umsetzung der Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung. Auch wenn der Europäische Gerichtshof Anfang 2014 entscheidet, ob die EU-Richtlinie mit den Grundrechten vereinbar ist, sollten wir uns jetzt - nach den bekannt gewordenen Vorfällen – positionieren: Für uns stellt die von der EU-Richtlinie geforderte Speicherungsverpflichtung einen gravierenden Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung der Nutzerinnen und Nutzer von Telekommunikationsdiensten dar. Wir werden uns deshalb auf europäischer Ebene für eine Revision der EU-Richtlinie einsetzen. Dazu ist es notwendig, dass der SPD-Bundesparteitag seine Beschlüsse betreffend der Vorratsdatenspeicherung auf den Prüfstand stellt, um grundsätzlich zu klären, ob die SPD an ihrem Parteitagsbeschluss vom November 2011 und der „anlasslosen Speicherung“ festhalten will.

Als problematisch sehen wir Sozialdemokraten auch die bereits ohne gesetzliche Verpflichtung existierenden Datensammlungen bei Telekommunikationsunternehmen an: Diese speichern sensible Daten teilweise bis zu 180 Tage für technische Zwecke oder aus Gründen der Abrechnung. Sollte die SPD-Fraktion im Hessischen Landtag ab 2014 in Hessen regieren, fordern wir sie auf, im Bundesrat eine Initiative auf den Weg zu bringen, das für die Speicherung und den Zugriff durch Dritte auf die von Telekommunikationsanbietern gespeicherten Daten endlich einen klaren gesetzlichen und einheitlichen Rahmen für alle Unternehmen setzt.

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürgern wird insbesondere durch die kommerzielle Sammlung und Verknüpfung von personenbezogenen Daten, deren automatisierte Auswertung sowie einem ausufernden, unkontrollierten Datenhandel seitens privater Unternehmen zunehmend ausgehöhlt. Deshalb bedarf es eines gesetzlichen Verbotes, aus personenbezogenen Daten individuelle Verhaltensprofile zu erstellen, wenn die Betroffenen eine solche Profilerstellung nicht ausdrücklich angefordert haben. Angesichts des Geschäfts mit Personendaten müssen die bereits bestehenden Aufsichtsstrukturen überprüft und gegebenenfalls ausgebaut und weiterentwickelt werden. Wir werden deshalb im Bundesrat eine Gesetzesinitiative zur Modernisierung des Datenschutzes einbringen.

Begründung:

Was wir gerade mit der NSA und Prism erleben, ist eine Realität gewordene Allmachtsfantasie. die Präventionsidee ist übermachtig geworden. Wir verhindern also Taten, bevor sie mehr als Gedanken sind. Jeder weiß, wie viele Unschuldige so ein Weltbild fordert. Bis in die Weimarer Republik haben Spitzel Sozialdemokraten begleitet. Wir wissen das, weil ca. 20 Prozent von Ortsvereinsgeschichten aus Polizeidokumenten stammen. Das haben wir nicht vergessen.  Und ja, Sozialdemokraten, machen auch Fehler - es gab immer wieder Kompromisse, die zu weit gingen. Aber: Wir sind auch bereit, zu korrigieren.

Es geht sicher auch um Transparenz. Jede Bürgerin und jeder Bürger muss wissen: Wer gibt was über wen weiter! Es geht sicher auch um Aufklärung. Aber: In erster Linie steht nun das „Menschenrecht auf Privatheit“ zur Disposition. Millionen unschuldige Bürgerinnen und Bürgern zu bespitzeln ist ein Anschlag auf Demokratie und Verfassung und Demokratie. Nur ein Obrigkeitsstaat misstraut seinen Bürgern, für ihn ist Kontrolle essentiell. Eine Demokratie zeugt ihren Bürgern Vertrauen, sonst hört sie auf, eine Demokratie zu sein. Der Kern dieses Vertrauens ist die Unschuldsvermutung. Was wir im Sommer 2013 erlebt haben, ist die Umkehrung der Unschuldsvermutung zu einem Generalverdacht. Das bedroht den Kernbestand von Demokratie. Wenn alles ausgespäht wird, geht es nicht mehr um Sicherheit, sondern um Gesinnung. Die Ausspähung von Gesinnung ist jedoch ein Anschlag auf unsere Demokratie. Es geht dann auch nicht mehr um ein Abwägen zwischen Freiheit und Sicherheit. Die Bedrohung von Freiheit entsteht schon dann, wenn Menschen nicht mehr darauf vertrauen können, frei zu kommunizieren. Wo alle Freiheit in Gefahr ist, gibt es nichts mehr abzuwägen. Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.

Was wir jetzt benötigen, ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens. Denn: Es ist Konsens, dass das Briefgeheimnis nicht angetastet wird. Auch das Recht auf „Unverletzlichkeit der Wohnung“ ist in unserer Gesellschaft Konsens. Aber: Es gibt bislang keinen breiten Konsens für das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und das Recht auf Unverletzlichkeit von persönlichen Daten.  Denn: wir „spüren“ es nicht, wenn unsere Daten verletzt werden, da dies nur ein virtueller Vorgang ist.

Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung ist seit dem Volkszählungsurteil von 1983 ein vom Grundgesetz geschütztes Gut. Vor dreißig Jahren hat das Bundesverfassungsgericht bereits auf die Gefahr für unsere freiheitliche Grundordnung hingewiesen, die für Betroffene durch unkontrollierte Datensammlungen unter den Bedingungen moderner Informationstechnik entstehen. Zu Recht hat das Bundesverfassungsgericht damals gefordert, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit auch unter modernen Bedingungen der Datenverarbeitung gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe von persönlichen Daten geschützt werden muss. Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG gewährleistet deshalb grundsätzlich, dass jeder Einzelne selbst über Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten bestimmen muss. Einschränkungen der informationellen Selbstbestimmung sind für uns daher nur auf gesetzlicher Grundlage zulässig.

Wir treten deshalb konsequent für die informationelle Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger ein – sowohl gegenüber dem Staat als auch gegenüber der Wirtschaft. Wo staatlicherseits Sammlungen personenbezogener Daten erstellt werden, beispielsweise die DNA-Datenbank des BKA oder auch die elektronische Patientenakte auf der elektronischen Gesundheitskarte, müssen strenge gesetzliche Sicherheitsbestimmungen gelten, deren Einhaltung regelmäßig und umfassend kontrolliert wird. Dies hat auch für den internationalen Austausch von Daten zwischen Polizei und Geheimdiensten zu gelten.

Samstag, August 31, 2013

Himmel über Schlesien

Sonnenuntergang über Schloss Fürstenstein
Himmel über Schlesien 

von Petra Tursky-Hartmann - Bildbearbeitung Saskia Wiese

„Du fährst nach Polen? In den Urlaub???“ „Hm, ja … meine Oma ist doch vor einem Jahr gestorben, … und da dachte ich, also wollte ich, ähm ja, mal nachschauen, wo sie geboren ist …“ Es klang nicht wirklich überzeugt, mehr defensiv, wenn ich in den vergangenen Monaten Freunden von meinen Ferienplänen erzählt hatte. Darf man heute wieder „Schlesien“ sagen? Oder katapultiert man sich mit dem Wort nicht unweigerlich in eine Ecke, in der man sich niemals verorten würde? Klingt vielleicht seltsam, aber ich hatte diesen Sommer mit meiner Reise auch „etwas zu erledigen“. Was sich beim besten Willen nicht mehr aufschieben ließ.   

Alles hatte im Mai 2012 mit der Gestaltung der Traueranzeige meiner verstorbenen Großmutter begonnen. Nun ja, eine Todesanzeige ist nicht wirklich der Anfang, sondern im Prinzip eher das Ende einer Reise. Aber da sie auf eine protestantisch geprägte Ordnung in ihrem Leben – ein Leben, das die Zeitläufte des Zweiten Weltkriegs kreuz und quer durch Deutschland geführt hatte – bestanden hatte, fühlte ich mich irgendwie verpflichtet, eine ihrem Leben würdig formulierte Anzeige zu schalten. Mit dem Nachsatz, dass wir sie gerne auf ihrem letzten Weg begleitet hätten. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit einer Mischung aus „Chronistenpflicht“ oder „Ablenkung durch Beschäftigung“ wollte ich die aufkeimende Trauer eingrenzen und hoffte, mit diesem „Verwaltungsakt“ meinen familiären Verpflichtungen in gebotenem Maße nachgekommen zu sein. Dachte ich.
Kurhalle in Bad Salzbrunn
„1919“, erinnerte sich Onkel Werner, „die Wally ist 1919 in Weißstein geboren, noch vor dem Umzug nach Bad Salzbrunn“, als wir wegen der Umstände ihrer Beerdigung telefonierten. Er ist der jüngste Bruder meiner Oma und eigentlich der Onkel meines Vaters. Aber da er nur unwesentlich älter als mein Vater ist, wurde er immer als „Onkel“ bezeichnet. Er war also in Bad Salzbrunn geboren worden. „Am selben Ort wie Gerhart Hauptmann“, ergänzte er nicht ohne Stolz. Und setzte voraus, dass ich natürlich weiß, wo der deutsche Dramatiker und Schriftsteller, der 1912 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, gelebt hat. Als sechstes von sieben Kindern ist der Onkel 1934 in der Bahnhofsstraße 8, direkt neben der Post, im Hinterhaus im Garten geboren. Hinter der wunderschönen Backsteinvilla, wo „der Vater in der schlechten Zeit bis zu sechzig Kaninchen“ aufgezogen hat. Wobei das Schicksal der flauschigen Langohren sonntags als Braten zu Rotkraut mit Knödeln besiegelt wurde.
Die Zechentürme "Julia" und "Sobotka" in Waldenburg
Das war damals eine willkommene Ergänzung der trotz „Hamsterfahrten“ immer karger werdenden Tafel der Großfamilie gegen Ende der Dreißigerjahre. Denn „das Geld reichte hinten und vorne nicht“, bedauerte er in seinen Erinnerungen, obwohl mein Urgroßvater als Bergmann nahezu ausschließlich Nachtschichten auf „Louise Charlotte“ für die „Consolidirte Fuchsgruppe“ in Waldenburg schob. Als Kind hatte ich mächtig Respekt vor dem alten, hochgewachsenen, aber insgesamt bedächtig wirkenden Mann gehabt. Alle in der Familie waren irgendwie stolz auf ihn. Wer mehr als dreißig Jahre seines Lebens unter Tage unbeschadet überstanden hat, hat eben auch ein bisschen Glück gehabt. Mit „Glück auf“ hat übrigens mein späterer Chef Franz Müntefering gegrüßt. Das Glück, das er meinte, kannte ich.

Marktplatz von Waldenburg
Wałbrzych (das ehemalige Waldenburg) liegt etwa fünfundsechzig Kilometer südwestlich von Breslau (Wrocław) und war bis in die Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts das Zentrum des niederschlesischen Steinkohlereviers. Meine Großmutter hatte immer, wenn zum Beispiel Geburtstage anstanden, über die Anreise der weitverstreuten „Mischpoke“ ausschweifend lamentiert. Und sich trotzdem riesig gefreut. Aber Weißstein bzw. Biały Kamień, wie der Ort heute heißt, sollte wo um Himmels willen liegen? „Weißstein ist ein Stadtteil der Großstadt Wałbrzych in der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen“, erklärte mir Google. Und Wikipedia ergänzte: „Die deutsche Bevölkerung wurde, soweit sie nicht schon vorher geflüchtet war, zum größten Teil vertrieben. Die neuen Bewohner waren zum Teil Heimatvertriebene aus Ostpolen.“


Fabrik am Bahnhof von Waldenburg
Vertrieben. Ein hässliches Wort, das mich unwillkürlich zusammenzucken ließ. Weil es so penetrant nach „Frau Steinbach von der CDU“ klingt. Eine Frau, für deren Auftritte ich mich als Deutsche leider immer wieder fremdschämen muss. Vergiss es, dachte ich und schloss den Browser. Bei aller Liebe für die Oma, hier ist Schicht im Schacht. Mit so einem reaktionären Zeug wollte ich nichts zu schaffen haben. Wobei meine Oma das Wort „vertrieben“ meiner Erinnerung nach gar nicht verwendet hatte. Es existierte einfach nicht in ihrem Sprachschatz, zumindest nicht gegenüber uns Enkeln oder ihren Urenkeln. Das Gleiche gilt rückblickend für meinen Stiefgroßvater Theo, der als Kriegsversehrter mit einem Holzbein aus Stalingrad zurückgekehrt war. Er hatte sich in der noch jungen Bundesrepublik für den VdK engagiert. Und für die Sozialdemokratie. In Rheinland-Pfalz, wo damals traditionell CDU gewählt wurde. Beide verehrten Willy Brandt und „den Onkel“. Womit sie damit nicht den kleinen Bruder meiner Oma, sondern Herbert Wehner meinten. Der damalige Bundeskanzler mit seinem Kniefall in Warschau war die Ikone in unserem provinziellen Familienkosmos. Und rangierte noch weit vor der umfangreichen Sammeltassensammlung und den handgeschnitzten Engelsfiguren aus dem Erzgebirge, die meiner Oma in der Glasvitrine ihres Wohnzimmerschranks absolut heilig waren.



Die stillgelegte Zeche "Julia" der "Consolidirte Fuchsgruppe"
Nachdenklich hatte ich damals den Computer ausgeschaltet und versucht, die Vergangenheit aus meinem Kopf zu vertreiben. Dann rief der Onkel wieder an. Und bedankte sich überschwänglich für die hübsche Todesanzeige. „Die hätte der Wally gut gefallen“, äußerte er im Brustton der Überzeugung. Und ergänzte dann ungefragt: „Ohne deine Oma wären wir damals nicht in den Zug gekommen.“ Damals. Damals, das war diese Geschichte vom Februar 1945, die meine Oma beiläufig erzählt hatte, als sie einen ausgesetzten Spitz von der Straße mit nach Hause brachte und ihn „Lumpi“ taufte. Natürlich mussten für „Lumpi“ umgehend ein Halsband und eine Leine gekauft werden. Und dann sagte sie so en passant, damals, auf dem Bahnsteig in Prag, habe sie meinen Vater aus Angst, dass sie ihn zwischen Tausenden von Flüchtlingen und permanenten Bombenangriffen verliert, auch angeleint. Ich murmelte ein „das mit dem Zug hat die Oma mal erzählt“ in die Muschel. Von dem Moment an war ich mit dem Verdrängen der Geschichte so erfolgreich wie mit dem Ignorieren von Zahnschmerzen. Oder dem Abstreiten von Wehen. Um es kurz zu machen, es war ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. „Es ist so schön dort“, hatte der Onkel zum Abschied am Telefon geschwärmt. „Fahr doch mal hin, das hätt‘ die Wally sicher gefreut!“


Bahnhofstrasse 8, Bad Salzbrunn
„Du hast da absolut nix verloren“, sagte mein Kopf. „Wir könnten doch mal unverbindlich bei Google Street View gucken, wie es dort aussieht“, argumentierte eine innere Stimme dagegen. Der amerikanische Technologieriese hatte richtig gute Vorarbeit geleistet, indem er 2012 weite Teile Polens virtuell fürs Internet annektiert, also abfotografiert hat. Mit gemischten Gefühlen brach ich an einem Ostersamstag im April 2013 zur ersten digitalen Erkundungsfahrt in die Heimat meiner Oma auf.

31. August 1963 - (c) Allgemeine Zeitung
„Der Vater ist ja immer mit der Straßenbahn zur Arbeit gefahren. Und der Walter hat im ‚Schlesischen Hof‘ als Koch gearbeitet. Dann hat Generalfeldmarschall Schörner das Grandhotel zu seinem Hauptquartier gemacht“, hatte sich der Onkel erinnert. Walter war das älteste der sieben Kinder meines Urgroßvaters. Bernhard, sein Zweitgeborener, war Oberfeldwebel der Wehrmacht und mit seiner Kavallerieeinheit in Fürstenwalde bei Berlin stationiert. „Weit weg vom Vater“, hatte sich der Onkel zögerlich erinnert. Denn der alte Herr hatte die Angewohnheit, seine belegten Brote in der Nachtschicht unter Tage mit russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zu teilen. Bis er wegen „Wehrkraftzersetzung“ beim Ortsgruppenleiter von Bad Salzbrunn angeschwärzt wurde. Mit seinem ehrlosen Verhalten „gegen Führer, Pflicht und Vaterland“ gefährde er die Karriere seines Sohnes. Dann wurde er mit Lebensmittelkürzungen und Gefängnis bedroht. Tja, der eine verpflegt die Russen, der andere erschießt sie, dachte ich seltsam berührt. Den Konflikt zwischen Vater und Sohn hat übrigens nicht ein Parteibonze der Nazis entschieden, sondern ein Soldat der Roten Armee. Mit einem glatten Lungendurchschuss.

Rathaus von Breslau
Ende April 2013 war klar, dass ich zu einem unaufschiebbaren OP-Termin ins Krankenhaus „einrücken“ müsste. Um mich abzulenken, surfte ich mal wieder ziellos durch Schlesien. Irgendwo dazwischen war damals die Werbeanzeige mit dem „Europa Sommer Special“ der Deutschen Bahn geschaltet. Wrocław (das frühere Breslau) – eine Stadt, von der meine Oma immer wieder mit glänzenden Augen geschwärmt hatte, stand auf der Liste der vergünstigten Zielorte. 49 Euro für die Fahrt von Frankfurt nach Breslau in der 1. Klasse. Bisschen dekadent, dachte ich. Meine Oma hatte es im Februar 1945 bei minus zwanzig Grad in den Zügen der Deutschen Reichsbahn sicher weniger komfortabel gehabt. Dass die Reise wegen unterspülter Gleise in Sachsen-Anhalt noch kurzfristig über Dresden umgebucht werden musste, nahm ich völlig gelassen hin. Seit 1945 war so viel Zeit vergangen, da kam es jetzt auf ein oder zwei oder drei Stunden Verspätung auch nicht mehr an.



Breslau Hauptbahnhof
Breslau ist übrigens gefühlt viel weiter von Frankfurt entfernt als es de facto der Fall ist. War zumindest mein erster spontaner Gedanke, als mich der völlig überfüllte Regionalexpress, der täglich zwischen Dresden und „Wrocław Glowny“ pendelt, mit polnischen Großfamilien, einem tobenden Kleinkind inklusive dazugehörigem Buggy plus unzähliger Persil- und Pamperskartons auf dem Bahnsteig ausspuckte. Es dauerte keine zwanzig Meter die Piłsudski (ehemals Gartenstraße) hinauf, und ich fühlte mich angekommen. Breslau würde ich atmosphärisch irgendwo zwischen Berlin und Wien verorten. Also fünf Sterne auf meiner inneren, sympathisch bis morbiden Beliebtheitsskala.


Frühstückssaal im "Hotel Polonia"
Wobei ich nicht annähernd drei Sterne – die es de facto hat – an das „Hotel Polonia“ vergeben würde. Damit meine ich nicht, dass das ehemalige „Vier Jahreszeiten“ in der Piłsudzkiego 66 schon mächtig in die Jahre gekommen ist. Was nicht nur am ächzenden Eisenaufzug ohne Türen lag. Nein, auch für die ehemals rot-goldene Samttapete im engen, dafür aber umso höheren Flur könnte ich mich sicher noch begeistern. Der Patina-Look ließ zumindest erahnen, wie es um das ehemalige Grandhotel früher bestellt gewesen sein muss. Damals, als der elitäre, am englischen Stil ausgerichtete „Schlesische Klub” während der Weimarer Republik im ersten Stock residierte. Was ich jedoch seit meiner Flugbegleiterzeit partout nicht leiden kann, sind zerschlissene Orientteppiche, die kreuz und quer über den Stufen der einzig brauchbaren Fluchttreppe in der Nähe meines Zimmers im dritten Stock lagen. Oder der Hinterhof, der so verwinkelt gebaut ist, dass da absehbar keine Feuerwehr der Welt mit einer entsprechend langen Drehleiter hineinkommt. Im Innenhof sind übrigens bis heute die Folgen des Generalumbaus zu besichtigen, die ein gewisser Otto Schenderlein dem Haus im Geiste seines Führers mit vereinfachenden Formen hat angedeihen lassen. Da Hitler ein eklektisches Verhältnis zum Barock hatte, musste der wunderschöne Stuck der Jahrhundertwende nach 1939 einer sichtlich verkrampften Monumentalität weichen.


Rynek - Der Marktplatz von Breslau
Die polnische Stadt an der Oder hat sich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht, 2016 als Europäische Kulturhauptstadt zu repräsentieren. Allein die beeindruckenden Bürgerhäuser am Marktplatz, dem „Rynek“, die wiederauferstandene Oper oder die famose Aula der Leopoldina Universität sind für sich eine Reise in die viertgrößte Stadt Polens wert. Als das spätgotische Rathaus, Wahrzeichen und politischer Mittelpunkt der Woiwodschaft Niederschlesien, in der Abendsonne strahlt und funkelt, fühle ich mich an Frankfurt erinnert. An den Römer und den Römerberg. Beide Städte haben ja gemeinsam, wichtige mittelalterliche Handelsplätze gewesen zu sein. Das Pendant zu unserem „Ratskeller“ ist der legendäre „Piwnica Świdnicka“ (Schweidnitzer Keller), mit über 700 Jahren übrigens Polens älteste Bierschenke. Und der „Rynek“ ist vergleichbar unserer „Gudd Stubb“, allerdings ist er nicht ganz so kuschelig.


Der Schweidnitzer Keller - Polens ältestes Schankhaus - in Breslau
Als Frau Bebel bei unserer Stadtführung am nächsten Tag einräumt, dass die Fassaden der Bürgerhäuser an der Südseite des Marktplatzes „pseudohistorisch“ nachgebaut wurden, umspielt meine Mundwinkel ein wissendes Lächeln. Frankfurter kennen die Probleme rekonstruierter Häuser wie zum Beispiel des „Großen Engel“ in der Ostzeile auf dem Römerberg. Schade, dass Breslau mit Wiesbaden eine Städtepartnerschaft eingegangen ist. Nichts gegen unsere hessische Landeshauptstadt, möge den Nassauern am Rhein ein langes Leben vergönnt sein. Aber im Schweidnitzer Keller ließe sich mit Piroggi und polnischem Bier, Grüner Soße und Äppler sicher auch eine formidable Main-Oder-Freundschaft besiegeln.

Uwaga Krasnale! - Achtung Zwerge!
Was Breslau allerdings gravierend von Frankfurt unterscheidet, sind die Zwerge. Die kleinen Gnome aus Bronze sind ein Überbleibsel der „Alternative in Orange“, die sich in den Achtzigerjahren an der Solidarność-Bewegung beteiligt hatte. Getreu dem Motto „Zwerge aller Länder vereinigt euch“ tauchten die Trolle immer irgendwo im Stadtbild auf. „Uwaga Krasnale!“ (Achtung, Zwerge!) hatte unter anderem zum Ziel, den kommunistischen Pomp lächerlich zu machen. Heute haben die sympathischen Figuren der ehemaligen Untergrundbewegung einen eigenen Stadtplan und unter www.krasnale.pl auch eine eigene Homepage.

Jerzy Kalina „Przejście 1977–2005“ (Übergang)
Einem weiteren Symbol für den Umbruch vom Kommunismus zur Demokratie laufe ich an der Jozefa Pilsudskiego in der Nähe meines Hotels förmlich über den Weg. Dort verschwinden auf der einen Straßenseite in Bronze gegossene Figuren im Untergrund und kehren auf der gegenüberliegenden Seite wieder ins pulsierende Leben an die Oberfläche zurück. Die Installation von Jerzy Kalina „Przejście 1977–2005“ (Übergang) soll an die Zeit erinnern, als politisch engagierte Bürgerinnen und Bürger vor der Staatssicherheit untertauchen mussten.  

„Breslau hat eine sehr bewegte Geschichte“, eröffnet Frau Bebel unsere dreistündige Stadtführung vor dem Denkmal von Aleksander Graf Fredo, „dem polnischen Molière“. Wir, das sind acht Deutsche. Beim Blick in die Runde beschleicht mich das Gefühl, dass ich den Altersschnitt der Fußgruppe nachhaltig senke. Wobei Breslau mit über 140.000 Studierenden bei 630.000 Einwohnern eine ausgesprochen junge Großstadt ist. Frau Bebel interessiert, woher wir kommen. „Görlitz.“ „Dresden.“ „Magdeburg.“ Ich bin als Letzte dran. „Frankfurt.“ „Am Main“, schiebe ich zögerlich nach und ernte prompt erstaunte Blicke. Über den Rathausvorplatz mit seinem Pranger nur für Männer, am Naschmarkt und den Häusern von Hänsel und Gretel vorbei, pilgern wir durch die Altstadt Richtung Tumski-Brücke und Dominsel. Im Schatten der St.-Elisabeth-Kirche passieren wir das „Denkmal zu Ehren von Schlachttieren“. Trotz des Verbots haben hier im Viertel die Metzger im 13. Jahrhundert ihre Schlachtereien über den Wohnungen errichtet. Frau Bebel umschreibt die Zustände pittoresk mit Begriffen, die ich mit „zivilem Ungehorsam“ assoziiere. Irgendwie werden mir diese Polen zunehmend sympathischer.



"Denkmal zu Ehren von Schlachttieren“ in Breslau
Auf den Steinstufen in die weltberühmte Aula der Leopoldina hinauf erzähle ich ihr, dass mein Urgroßvater von 1918 bis 1945 in den Waldenburger Kohlezechen gearbeitet habe. Und ich das erste Mal zum Geburtsort meiner verstorbenen Oma reise. „Entschuldigen Sie“, unterbricht uns die Frau aus Dresden mit klassisch-sächsischem Akzent, „ich suche diese Straße. Leider ist hier alles auf Polnisch“, und wedelt mit einem Stück Papier ungehalten in der Luft herum. Das Lächeln unserer Führerin bleibt freundlich entwaffnend. „Ja“, nickt sie verständnisvoll, sie kenne das. „Wir hatten hier nach dem Ende des Kommunismus auch Umbenennungen.“ Galant die Klippe umschifft, denke ich amüsiert. Und seufze vernehmbar, weil es offensichtlich immer noch Menschen gibt, deren Leben irgendwo zwischen 1933 bis 1945 stehengeblieben ist. Es ist doch gefühlt ein eher deutsches Problem, dass die Straßen in Breslau heute andere Namen haben, finde ich. Und dass das so ist, ist doch nicht die Schuld der Polen, oder? Denn die haben doch bloß das Schlachthaus, das die Deutschen hinter Oder und Neiße hinterlassen haben, wieder aufgeräumt. 

Aula der Leopoldina-Universität
Mit der Straßenbahn geht es am Nachmittag über die „Ślężna“ Richtung Süd-Osten zum Alten Jüdischen Friedhof. Ich will Ferdinand Lassalle einen Besuch abstatten. Immerhin hat er vor 150 Jahren den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ gegründet, aus dem dann meine Partei hervorgegangen ist. Und da die SPD dieses Jahr ihren runden Geburtstag zum Anlass nimmt, die ganze Geschichte zu feiern, habe ich beschlossen, ihm ein Steinchen auf die schwarze Grabplatte zu legen. Auch als Dank für seinen Mut, für alle Deutschen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zu fordern. Was wäre wohl aus der Sozialdemokratie geworden, grübele ich auf dem frisch geharkten Kiesweg, wenn er das Duell um Helene von Dönniges gewonnen hätte?

Am Grab von Ferdinand Lasalle in Breslau
Ein Vogel zwitschert leise im üppigen Grün des Friedhofs. Zwischen überwucherten Grabsteinen und einfachen Stelen, die sich mit von steinernen Rosen umrankten Sarkophagen und prunkvollsten Grabbauten abwechseln, gaukelt ein weißer Schmetterling planlos hin und her. Ich folge dem Falter, der über Grabsteine von Schriftstellern, Bankinhabern, Unternehmern, hochrangigen Beamten und Gefallenen des Ersten Weltkriegs ziellos umherflattert. Galt der Schmetterling in der Antike nicht als Sinnbild für Wiedergeburt und Unsterblichkeit? Zwischen hebräischen und deutschen Inschriften fühle ich mich plötzlich wie ein Wanderer zwischen den Welten.


Der Alte Jüdische Friedhof in Breslau
„Eine Rose gebrochen – ehe der Sturm sie entblättert“, die im Jugendstil gehaltene Grabinschrift erinnert an eine Frau, die nur dreiundzwanzig Jahre alt geworden ist. Verschnörkelte Grabsäulen im Schatten riesiger Buchen und Kastanien wechseln sich mit einfachen Mazzewas ab. Einzelne, gebrochene Bäume aus Stein stehen sinnbildlich für einen frühen und offensichtlich tragischen Tod. „In der Jugend schönste Hoffnungen erweckend, wurde er später zum Schmerze der Seinen. Von einem Traumleben umfangen, dass ein sanfter Tod endete“, beschreibt einfühlsam in goldenen Lettern auf schwarzem Granit das Leben eines Mannes, von dem sich seine Familie bereits 1920 verabschiedet hat. Inschrift um Inschrift lese ich mich durch die Vergangenheit. Ein Friedhof als in Stein gemeißeltes Poesiealbum. Nur eben nicht mit Wünschen für die Zukunft, sondern mit der Erinnerung gelebter Leben. 1850, 1900, 1939. Immer wieder 1939. Jahreszahlen wie im Klassenbuch. Dann haben die Deutschen das Heft zugeklappt. Es gibt keine Nachgeborenen mehr. Der Holocaust hat auch das Schicksal des Pantheons der Breslauer Juden besiegelt. Ein weißer Schmetterling flattert um herabgefallene Grabsteinplatten an der meterhohen Umfriedung des Alten Jüdischen Friedhofs und entschwindet im Gegenlicht. Ich blinzele in die untergehende Abendsonne und habe einen dicken Kloß im Hals.


Im Regionalexpress Richtung Erzgebirge
Am nächsten Tag hat der Regionalexpress nach Wałbrzych (Waldenburg) Verspätung. Da ich nicht zur Arbeit muss, nehme ich die Dinge gelassen hin. Ist eh nicht zu ändern, denke ich. Das putzige Abteil in der zweiten Klasse hat den Charakter einer Puppenstube und erinnert mich an meine Schulzeit, als ich jeden Morgen mit dem Zug in die nächste Kreisstadt zum Unterricht fuhr. Tiefe Polstersitze auf dicken Sprungfedern – darauf ließ sich als Kind schon prima hüpfen –, taubenblaue Synthetikvorhänge und zwei karamellfarbene Resopalbrettchen am Fenster. Fürs Frühstück. Das Fenster klemmt ausnahmsweise nicht, und ich genieße den warmen Fahrtwind im Gesicht. Willkommen zur Reise in die Vergangenheit. Bei Jaworzyna Śląska (Königszelt) passiert die Diesellok pfeifend das hiesige Lokomotivmuseum (www.muzeumtechniki.pl). Rund einhundertzwanzig Dampfloks und Waggons, in denen eine Ausstellung die Rolle der Reichsbahn für das Schicksal der Vertriebenen behandelt, sind direkt neben unserem Gleis geparkt. Das Museum hat im vergangenen Jahr übrigens übers Internet ein Patenschaftsprogramm gestartet, um die majestätischen Stahlrösser aus ihrem Dornröschenschlaf aufzuwecken. Ich betrachte die übermächtigen schwarzen Riesen nicht nur mit Respekt. Sondern auch mit unterschwelliger Ambivalenz, die sicher meine Oma wie auch meine Mutter aufgrund ihrer Erfahrungen mit Bahnfahrten im Krieg unter Bombenangriffen auf mich übertragen haben.


Abgestellt: Das Lokomotivmuseum von Jaworzyna Śląska (Königszelt)
Seit 1853 verbindet der Eisenbahnanschluss Wałbrzych, das zwischen Riesen- und Eulengebirge im Waldenburger Bergland liegt, mit Breslau. Ab 1898 hat dann die Waldenburger Kreisbahn die schlesische Kreisstadt mit den umliegenden Steinkohlezechen, Spinnereien und Porzellanfabriken verbunden. Die Straßenbahn brachte meinen Urgroßvater sechs Tage die Woche zur Arbeit in die Stollen. In den Sechzigerjahren hat man den Bahnbetrieb eingestellt, 1996 dann die Zechen geschlossen. Und dreißig Prozent der 130.000 Einwohner in die Arbeitslosigkeit entlassen. Ein noch nicht mal bei Google verzeichnetes Denkmal aus weißen Stelen an der „Aleja Wyzwolenia“ entbietet seit 2007 den „Söhnen der Waldenburger Erde“ für vierhundert Jahre Industriegeschichte einen letzten Gruß.


Denkmal für die „Söhne der Waldenburger Erde“
So schnell will Frau Buniewicz im Waldenburger Tourismusbüro nicht aufgeben. Fast eine halbe Stunde sucht sie im Internet für mich in historischen Dokumenten nach der Zeche, wo mein Urgroßvater gearbeitet hat. Wir verständigen uns in Englisch, das klappt bestens. Das Foto meiner Urgroßeltern, das anlässlich der Goldenen Hochzeit im August 1963 in der „Allgemeine Zeitung“ mit Glückwünschen von örtlichen Honoratioren veröffentlicht worden war, hat ihr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Okay, ich komme spät, gestehe ich der jungen Frau. Vielleicht zu spät, da die Zechen alle dichtgemacht wurden. Doch Zeit ist im Tourismusbüro von Waldenburg im Haus „Biblioteka“ am mit roten Geranien gesäumten und frisch gefegten Marktplatz ein sehr relativer Begriff. Der Onkel hatte sich vage erinnert, dass der Vater bis zur Einberufung in den Volkssturm „auf Louise“ gearbeitet habe. Die Russen haben ihn als Zwangsarbeiter in den Uranbergbau ins Erzgebirge geschickt. Als sich 1948 die Geschichte mit den Butterbroten herumsprach, konnte er nach Hause gehen. Wobei „nach Hause“ damals ja auch relativ war, seine Frau mit ihren Töchtern und Enkeln war nach der Flucht zunächst in Fürth gestrandet. Wir finden in der Waldenburger Flözkarte von 1905 eine Grube mit dem Namen „Louise Charlotte“, die zur „Consolidirte Fuchsgrube“ zählte. In einer späteren Karte ist der Name „Louise“ getilgt. Ich erinnere mich, dass die jüngere Schwester meiner Oma „Lotte“ gerufen wurde, aber eigentlich Charlotte hieß. Ist das die Verbindung? Oder hat der Onkel den „Lisia sztolnia“ gemeint? Ich bin verunsichert. Doch Frau Buniewicz motiviert mich, nicht aufzugeben. Sie mailt mir zum Abschied die Links zu den Karten der stillgelegten Bergwerkschächte auf mein Handy und wünscht mir bei meiner Reise in die Vergangenheit viel Glück.


Waldenburger Industriebezirk 1905
Ich will in der Bibliothek des „Muzeum Przemysłu i Techniki“ (Museum für Industrie und Technik), das die fünfhundertjährige Geschichte des Bergbaus im Sudetenland beherbergt, weitersuchen. Weit über Waldenburg hinaus flimmern die beiden charakteristischen Fördertürme „Julia“ und „Sobótka“, die Teil des Museums sind, in der Sonne vor grau vorbeiziehenden Kumuluswolken am Horizont. Ich schöpfe neue Hoffnung. Die kurze Zeit später ein junger Mann mit langem Zopf, Kappe und martialisch tätowierten Armen am Eingangstor der stillgelegten Fuchs-Zeche unbeeindruckt beerdigt. Das Museum habe geschlossen. Wegen Umbau. Morgen und übermorgen auch. Also eigentlich bis ins nächste Jahr. Wir verhandeln in Englisch – hier spricht offensichtlich niemand unter fünfzig Deutsch –, ich zeige ihm das Foto meines Urgroßvaters, starte eine Charmeoffensive. Alles umsonst. Der Wachmann bleibt so unbeeindruckt wie der Security-Chef, der die VIP-Betreuung von Till Lindemann in Wacken verantwortet. Tausend Kilometer mit der Bahn aus Deutschland gekommen? Selbst wenn ich vom Mond angereist wäre, hätte es keinen Unterschied für ihn gemacht. Ich soll nächsten Sommer wiederkommen, rät er mir und stapft zurück ins Wächterhäuschen hinterm Schlagbaum. Einfach mal im Internet gucken, ruft er mir noch zu, wann das Museum wieder öffnet. Guter Rat, denke ich, denn im Internet steht nicht drin, dass die Zeche wegen Umbau geschlossen ist. Aber auf den Tourismusseiten von Waldenburg wird ja auch noch das Hotel „Sudety“, das kurz vorm Abriss steht, zur Übernachtung empfohlen.


Hotel Sudety in Waldenburg
Polen wäre nicht Polen, wenn sich für mein Problem keine Lösung findet, überlege ich. Irgendwas ging mit meiner „Mischpoke“ doch auch immer. Also trabe ich unbeirrt am Zaun entlang und stelle fest, dass nicht nur in Hessen Kabeldiebe ihr Unwesen treiben. Je mehr ich mich durch hüfthohes Grün den Werkhallen annähere, umso dramatischer wirkt der Verfall der Zeche. Die Natur erobert sich erbarmungslos die verlassene Anlage zurück. Als ich zum Fotografieren über eine verrostete Turbine klettere, flüchtet ein Rudel erschreckter Heuschrecken ins Gras. Und über meinem Kopf steigt zornig pfeifend ein erboster Mauersegler ins wolkige Blau. Zwei weiße Falter gaukeln um mich herum. Ich will die Karte von Frau Buniewicz im Handy aufrufen, doch der Empfang hier im Nirgendwo von Südschlesien erweist sich durchaus noch als ausbaufähig. Wie lange würde es dauern, bis mich jemand hier unten in den Gruben einer stillgelegten Zeche kurz vor der polnisch-tschechischen Grenze suchen würde? 


Im „Muzeum Przemysłu i Techniki“ 
Als ich das Zimmer im Hotel „Maria Helena“ in Szczawno-Zdrój (Bad Salzbrunn) übers Internet gebucht habe, wusste ich nicht, dass meine Familie gerade hinter der nächsten Straßenbiegung in der Bahnhofstraße 8 im Gartenhaus gelebt hatte. Die rote Backsteinvilla mit ihrer großen Freitreppe in den vorderen Garten hat mit Geranien und Vergissmeinnicht die Zeitläufte unbeschadet überstanden. Auch die Post neben der Villa ist immer noch in Betrieb. Nur das Hinterhaus mit den Kaninchenställen ist zwei modernen Einfamilienhäusern gewichen. Klingt vielleicht seltsam, aber ich finde innerlich keinen Bezug zu diesem Ort. Muss auch nicht sein, denke ich und überquere gut gelaunt die Straße Richtung „Schlesischer Hof“.


Bahnhofstrasse 8
Das ehemalige Grandhotel wurde von 1909 bis 1911 von Graf Hans Heinrich XV. von Hochberg, dem dritten Fürsten von Pleß, und seiner Frau Daisy, errichtet. Heute beherbergt der imposante Bau ein Sanatorium. Das „Dom Zdrojowy“ scheint ausgebucht zu sein, denn an nahezu allen gusseisernen Balkonen flattern die bunten Handtücher der Kurgäste. Die schwere Holzdrehtür befördert mich quietschend zurück ins letzte Jahrhundert. Eine prachtvolle Eingangshalle, Stuck, Marmorkamine, bis an die Decke reichende Spiegel und ein ungewöhnlicher Kristallleuchter aus der Jugendstilzeit erinnern an eine längst vergangene Zeit.


Hotel Schlesischer Hof in Bad Salzbrunn
Über einen purpurroten, leicht abgewetzten Teppich, dessen tiefer Flausch zwischen stilisierten Lilien all meine Schritte schluckt, schreite ich durch zwei weit geöffnete Flügeltüren nach draußen. Hier also hat sich die wilhelminische Gesellschaft nach dem Golfspiel zum Tee getroffen. Ganz allein stehe ich auf der Terrasse. Zwei Gärtner rechen unten im Park frisch gemähtes Gras zusammen. Eigentlich ein Idyll. Eigentlich. Wenn da nicht die braunen Flecken wären. Und damit meine ich nicht die sichtbaren, die das Regenwasser an einigen Stellen im ockerfarbenen Putz hinterlassen hat. „Sanatorium Göringa“ steht als Bezeichnung für die Zeit bis 1945 auf der in Polnisch verfassten Tafel im Seitenflur zum Frühstücksraum.


Auf den Spuren von Daisy im Grandhotel "Schlesischer Hof"
In den „Hidden Places“ im Internet ranken sich unglaubliche Mythen um den „Schlesischen Hof“. Fakt ist jedoch, dass hier Hitlers Wehrmachtsgeneräle bis zur Flucht am 12. Februar 1945 vor der Roten Armee residiert haben. Der gesamte Komplex hat eine Breite von etwa hundert Metern. Zwischen den Seitenflügeln der Kurklinik soll sich noch heute ein Bunker unter dem Park befinden. Als sich der Luftkrieg 1943 zuzuspitzen begann, hatte man in Berlin nach einem Ausweichquartier für den Führer zu suchen begonnen. In die Planungen wurde damals auch „Zamek Książ“, das acht Kilometer von Bad Salzbrunn entfernte Schloss Fürstenstein der Familie Pleß, einbezogen. Und zur Realisierung des gigantischen Bauvorhabens mehr als zwanzigtausend der 125.000 Häftlinge des nahe gelegenen KZs Groß-Rosen hierher in Außenlager verschleppt. Arbeit machte damals ja bekanntlich „frei“. Die letzten Überlebenden dieser deutschen Mordmaschinerie hat jedoch erst die Rote Armee befreit. Auf den Stufen des „Dom Zdrojowy“ wirkt die Parklandschaft knapp siebzig Jahre später unglaublich friedlich. Heilt Zeit wirklich alle Wunden? Ich lasse ratlos mein kleines Samsung sinken und blinzele in die untergehende Abendsonne. Aus dem linken Seitenflügel wehen Gesangsfetzen eines Alleinunterhalters, untermalt von einer einsam quäkenden Hammondorgel. Kurkapelle statt Marschmusik. Auch wenn der ein oder andere Ton nicht getroffen wird, ist es mir so lieber. Da der Onkel kein Handy hat, schreibe ich ihm auf den Stufen des „Schlesischen Hofs“ eine Postkarte. Und hoffe, dass ihn der Gruß aus seiner alten Heimat erfreut.

Im Garten von "Dom Zdrojowy"
Für die letzte Station meiner Reise habe ich ein Zimmer auf Schloss Fürstenstein gebucht. Im April 1944 hatte die „Organisation Todt“, die für das Geheimprojekt „Führerhauptquartier Riese“ verantwortlich zeichnete, das prachtvolle barocke Schloss als Dienstsitz bezogen. Und ganz im Sinne ihres Führers „umgebaut“. Also Terrassen und Wasserleitungsanlagen zerstört, Granitportale herausgerissen, Stukkaturen und Fresken abgeklopft und Möbel sowie Gemälde geraubt. Das Haus sollte schließlich ein für die Naziarchitektur charakteristisches Aussehen erhalten. 


Zamek Książ - Im Ehrenhof von Schloss Fürstenstein in Schlesien
Unter „Zamek Książ“ wurden enorme Tunnel mit einer Gesamtlänge von bis zu zwei Kilometern gegraben. Das heißt, Kriegsgefangene und Häftlinge des KZs Groß-Rosen mussten diese unter irrsinnigen Bedingungen in die Felsen treiben. Im Ehrenhof mit seinem repräsentativen Haupteingang wurde ein fünfzig Meter tiefer Schacht angelegt. Von dort sollte später ein Aufzug in die unterirdischen Höhlen und Katakomben führen. Mehr als ein Erdtrichter war jedoch bis zur Besetzung der Roten Armee im Mai 1945 nicht zustande gekommen. Was für eine sinnlose Barbarei, denke ich fassungslos beim Betrachten der vergilbten Fotos in den Korridoren des Schlosses und schließe mich im zweiten Stock einer deutschsprachigen Reisegruppe an.

Der ehemalige Ballsaal im Hotel Fürstenstein
Gerüchten zufolge haben die Nazis den spätbarocken „Konradsaal“ auch deshalb entkernt, um dort „nach dem Endsieg“ das Bernsteinzimmer zu installieren, plaudert der Gästeführer. Im ehemaligen Ballsaal hat das Oberkommando der Wehrmacht den wundervollen Stuck an der Decke abschleifen lassen, um diese anschließend mit einer drei Meter tieferen, einfachen Holzvertäfelung abzuhängen. Was mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass niedrige Decken und Denkvermögen schon früher in enger Korrelation zueinander gestanden haben. Die Köpfe der Besuchergruppe recken sich nach oben. „Wie das hier aussieht!“, raunt eine grau melierte Frau ihrem eifrig nickenden Nachbarn empört zu. „Wie das hier aussieht!“ erinnert mich an den Film „Sonnenallee“, als Onkel Heinz in typisch westdeutscher Manier beim Besuch der Ost-Verwandtschaft im Plattenbau pikiert mit dem Fingernagel an der Tapete kratzt und triumphierend „Asbest!“ trompetet. „Ja, wie sieht‘s hier wohl aus?“, frage ich die Frau, die irritiert ist, weil ich sie verstanden habe. „So sieht‘s halt aus, wenn Onkel Adolf nicht auf Barock steht!“, zwinkere ich ihr verschwörerisch lächelnd zu. Und ernte zutiefst betretene Blicke gepaart mit giftigem Zischeln. Es ist nicht immer leicht, Deutsche zu sein, seufze ich.

Der Maximiliansaal von Zamek Książ
Umso mehr erfreue mich am opulenten Barock des Maximiliansaals, den die Schergen der Operation Todt nahezu unangetastet gelassen haben. Beim Fotografieren der vergoldeten Balkone fürs Hoforchester lerne ich David und seine Mutter kennen. Sie sind wie ich auf Spurensuche, und wir sind uns spontan sympathisch. Gemeinsam lassen wir den Tag am Grillstand über den zauberhaften Wasser- und Rosenterrassen ausklingen. Und tauschen angeregt Eindrücke und Erfahrungen mit unseren schlesischen Wurzeln aus.

Die Wasserterrassen
Die beiden wollen am nächsten Morgen weiter, hoch auf die Schneekoppe, bevor es für sie zurück, Richtung Westen, nach Hause geht. Ich will vor der Heimfahrt nach Frankfurt in den Stollen von Fürstenstein den Glücksfelsen mit meiner linken Hand berühren. Als die Sonne am Abend in einem blutroten Farbenrausch hinter Artemis und Apollo am Horizont versinkt, habe ich längst meinen Frieden mit der schlesischen Vergangenheit meiner Oma gemacht. Ja, der Onkel hatte recht gehabt. Es ist wirklich wunderschön hier in Polen. Aber meine Heimat ist trotzdem ganz woanders. 


Himmel über Schlesien - Sommer 2013

Samstag, August 24, 2013

Vorwärts: Gerechtigkeit macht Spass

von Petra Tursky-Hartmann (erschienen im Vorwärts, Ausgabe Hessensplit 10/2013)

"Moin, moin“, begrüßt uns ein sichtlich ausgeschlafener Olaf Scholz, Regierender Bürgermeister von Hamburg. Der ist die frische Brise um diese Zeit gewohnt, denke ich und fröstele mit dem Dutzend verschlafener Enten auf der gegenüberliegenden Sommerwiese. Loti und Don erstürmen die Bühne und rocken los. „Viertel nach fünf, auf der ersten Schicht, das Fließband fließt, sie beklagen sich nicht …“ Ernst-Ewald Roth wippt vergnügt mit dem Fuß im Takt. „Gerechtigkeit macht stark!“ Wir schauen uns an. Das Ding ist im Ohr.

Es ist früh. Und es ist arg frisch, als wir am 24. August in Wiesbaden in die heiße Wahlkampfphase starten. Wir, das sind Thorsten Schäfer-Gümbel, seine Frau Annette, Bärbel Feltrini und Matthias Kollatz-Ahnen von der Mannschaft für den Wechsel, eine Gruppe Journalisten und Hans und Johanna aus der Wahlkampf-WG. Und Wilfried, seines Zeichens SPD-Landesgeschäftsführer und heute Herrscher über Ankunfts- und Abfahrtszeiten. Gemeinsam mit Lothar Pohl, genannt Loti und „Ex“-Cracker und Don Weaver erklimmen wir unseren „Unterwegs für den Wechsel“-Bus. Vor uns liegen sechsmal Uraufführung von „Gerechtigkeit macht stark“ und 500 Kilometer quer durch Hessen. Ein bisschen fühlt es sich an wie Welttournee, als Herr Böhm seinen 16-Tonner mit viel Gefühl Richtung Bahnhofsvorplatz lenkt.
Moin, moin in Wiesbaden 


„Für uns ist nur sozial, was Arbeit schafft, von der man leben kann“, greift TSG die Zeile auf. Beifall von den Genossinnen und Genossen, die frisch gebrühten Kaffee ausschenken. „Ja zum gesetzlichen Mindestlohn! Ja zur Bekämpfung des Missbrauchs der Leiharbeit!“ Ein paar Passanten bleiben neugierig stehen. Langsam kommt Schwung in die Sache. „Wir machen Schluss mit der sachgrundlosen Befristung.


Darum geht es am 22. September!“ Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Grand-Dame der Wiesbadener SPD, klatscht wohlgefällig. „Noch 29 Tage, 8 Stunden und 32 Minuten!“ TSG schaut fröhlich auf seine Uhr. „Der Wechsel ist in Sicht!“, verkündet er. 

Klaus Wowereit in Darmstadt 
Der Friedensplatz ist rappelvoll. 650 Genossinnen und Genossen feiern mit Freunden unter strahlend blauem Himmel. Loti und Don erstürmen die Bühne, Welturaufführung für Gerechtigkeit zum Zweiten. „Hat die Familie Kohle, wird das Studium nett …“ Jubel brandet in der hessischen Wissenschaftsstadt auf. Der Song ist die perfekte Steilvorlage für den aus Berlin angereisten Klaus Wowereit. „Ja!“, ruft er den Darmstädtern zu, „wir wollen mehr Geld für Bildung! Deshalb erhöhen wir die Spitzensteuersatz auf 49 Prozent!“

Dann greift TSG nach dem Mikro. Die SPD werde G8 abschaffen und zur sechsjährigen Mittelstufe zurückkehren, verspricht er. Denn „das ist eine Frage des Respekts vor der Begabung eines jeden Kindes“. Jubelnder Applaus, zustimmend nickende Köpfe. Eine Mutter hält ihr Baby hoch und knuddelt es liebevoll, als der Spitzenkandidat der SPD „Echte Ganztagsschulen sind mehr als ein warmes Mittagessen!“ ruft. In Hessen liegt Rot-Grün in Umfragen knapp vor Schwarz-Gelb. Aber wir wollen am 22. September ja nicht die Umfragen, sondern die Wahlen gewinnen. „Im Bund wird es enger, als viele glauben! Und im Land wird es klarer, als viele denken“, schwört Thorsten die Darmstädter zum Abschied kämpferisch ein. „Noch 29 Tage, 6 Stunden und 21 Minuten!“ 


Im Bus geht es ein bisschen zu wie früher auf Klassenfahrten. Den meisten Spaß haben die in den hinteren Reihen. Don stimmt „Country roads, take me home“, den Klassiker von John Denver, an. Die Mittagssonne flirrt hinter den Panoramascheiben über abgemähten Weizenfeldern. „In den Masuren sammeln sich bald die Störche zum Formationsflug“, erzählt Matthias Kollatz-Ahnen, im Team zuständig für Wirtschaft, Wohnen und Finanzplatz, vom Urlaub. Mein Blick geht nach draußen und mich beschleicht das Gefühl, dass auch die Hessen in den kommenden Wochen auf Kurs gehen.
Gute Bildung in Nidda 


Als wir den voll besetzten Marktplatz in Nidda erreichen, brennt die Sonne. Welturaufführung die Dritte, zwischen historischem Brunnen, einem Oldtimer der Feuerwehr und zauberhaften Fachwerkhäuschen. „Ich freue mich, wenn wir endlich gemeinsam gute Bildungspolitik machen“, empfängt Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, die Wahlkampfcrew. Damit kein Hesse mehr neidisch nach Rheinland-Pfalz schauen müsse, ergänzt sie sichtlich amüsiert. Kein Problem, versprich TSG. „In 29 Tagen, 4 Stunden und 12 Minuten“ wäre es dann so weit. 
Und während der SPD-Chef geduldig alle Foto- und Autogrammwünsche erfüllt, haben Loti und Don das lokale Eiscafé erobert. Zwei riesige Erdbeerwaffeln wandern in unseren Setra, ein Dreiachser mit neuester BlueTec-Technologie. Mit „Oberhessischer Dampfmusik“ im Rücken geht es „zum Städele hinaus…“, Richtung Nord-Ost.


Auf dem Weg nach Bad Hersfeld passieren wir auf der B 457 die Abfahrt nach Birklar. Dort, am Rande der Wetterau, lebt der SPD-Chef mit seiner Familie. Dass Thorsten Schäfer-Gümbel gute Chancen hat, seinen Wahlkreis am Rande des Vogelsbergs am 22. September direkt zu gewinnen, prognostiziert nun auch die Internetplattform „election.de“.

In der Kur- und Festspielstadt werden wir bereits sehnsüchtig erwartet. Von Michael Roth, dem Generalsekretär der Hessen-SPD, der an diesem Samstag auch seinen Geburtstag feiert. Für ihn schmettern Loti und Don aus vollen Kehlen, dass alle gleich sind, „ob Arm oder Reich“, und dann gibt’s selbstverständlich mit 400 Genossinnen und Genossen ein Geburtstagsständchen.


Der Duft von frisch gegrillter Bratwurst hängt über dem beschaulichen Kurpark. Offensichtlich machen wir auf die Damen der Arbeiterwohlfahrt einen arg verhungerten Eindruck. Ein kurzer Blick, dann packen sie fest entschlossen Dutzende von Aprikosen- und Streuselteilchen, Stracciatella-Törtchen und Marmorkuchen unter Schokoguss für uns zusammen. „Lecker“, strahlt Bärbel Feltrini, zuständig im Team von TSG für Arbeit, Ausbildung und Soziales.
Seit’ an Seit’ in Bad Hersfeld
Sichtlich berührt ist auch Hans Eichel, der ehemalige SPD-Ministerpräsident, der 1999 von Roland Koch mit dessen unsäglicher Unterschriftenaktion und finanziert aus Liechtensteiner Honigtöpfen brutalstmöglich aus dem Amt gejagt worden war. „In diesem Land gibt es genügend Geld, um Krankenschwestern und Polizisten anständig zu bezahlen. In diesem Land gibt es auch genügend Geld, um den ländlichen Raum zu fördern. Wir müssen das Geld nur eintreiben!“, mobilisiert Thorsten derweil selbstbewusst die begeisterten Anhänger. „Ich will null Toleranz für Steuerflucht und Steuerhinterziehung!“, fordert er und klopft dem sichtlich ergriffenen Hans Eichel aufmunternd auf die Schultern. „Noch 29 Tage, 2 Stunden und 13 Minuten!“ 


Eigentlich müssten wir jetzt schon längst in Kassel sein. Doch Loti, Don und Michael Roth hat die Welturaufführung für Gerechtigkeit auf den Geschmack gebracht. Fröhlich stimmen sie „Wann wir schreiten Seit' an Seit' “ an.

Vorne im Bus hängen später die Journalisten an den Lippen von Hans Eichel, der sich spontan entschieden hat, den SPD-Chef nach Kassel zu begleiten. Er erzählt von „damals“, als er mit Jean-Claude Juncker, den er schelmisch als „Le Schlitzohr“ bezeichnet, über den Euro verhandelt habe. Hinten im Bus interviewen derweil Hans und Johanna Annette Gümbel für die Wahlkampf-WG. Die beiden interessiert mehr, wie sie ihren Mann kennengelernt hat. „Damals“, als er flammende Juso-Reden gehalten hat und sie wohl ziemlich lässig mit dem Motorrad zur Uni gefahren ist.

Party in Kassel

In Kassel ist die Stimmung ausgelassen. Ist ja auch kein Wunder, denke ich, das sind die absoluten Feierprofis. Wer 1.100 Jahre Stadtrechte, zehn Tage Hessentag und ein UNESCO-Weltkulturerbe stemmt, dem ist doch vor einer Landtags- und einer Bundestagswahl nicht bang. Die knapp 900 Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten auf dem Schlossplatz um den SPD-Bezirksvorsitzenden Manfred Schaub demonstrieren eindrucksvoll, warum Hessen „da oben“ fest in roter Hand ist. „TSG“, ruft Wolfgang Decker von der Bühne, „TSG steht für Thorsten soll gewinnen!“ Applaus. Gejohle, Schenkelklopfen.


„Der Ehrliche darf nicht der Dumme sein!“, fordert anschließend der SPD-Spitzenkandidat und dankt Stephan Weil, dass der als Ministerpräsident von Niedersachsen mit dafür gesorgt hat, dass das unsägliche Steuerabkommen von der schwarz-gelben Bundesregierung mit der Schweiz im Bundesrat gestoppt wurde. Allein in Hessen hat es seitdem eintausend zusätzliche Selbstanzeigen gegeben, die 460 Millionen Euro in die hessischen Kassen gespült haben. „Peer Steinbrück hat die Kavallerie erfunden“, ruft Thorsten den Anhängern um seine nordhessischen Mannschaftsmitglieder Günter Rudolph und Susanne Selbert energisch zu. „Lasst uns dafür sorgen, dass sie in 29 Tagen und 35 Minuten endlich ausrückt!“
Auch für uns geht’s im Sturmlauf zum Bus, wir rücken in den „Swing State Fulda“ aus. In Eichenzell, unserer letzten Station für den heutigen Tag, warten immer noch 250 Sozialdemokraten geduldig auf den SPD-Spitzenkandidaten. Auf Wunsch des niedersächsischen Ministerpräsidenten – der sich riesig über den Heimsieg von Hannover 96 freut – singen Loti und Don „Knockin’ on Heaven’s Door“.

Solidarität statt Ellenbogen
„Was wird von Angela Merkel bleiben?“, fragt Stephan Weil später im Gemeindesaal in Eichenzell. Pause. „Genau! Mir fällt da auch nicht allzu viel ein!“ Statt „Jahr für Jahr mehr Mehltau“ empfiehlt er den Genossinnen und Genossen mehr Gerechtigkeit.


„Überall, wo wir heute waren, war Sonnenschein“, zieht Thorsten Schäfer-Gümbel hemdsärmelig zum Abschied Bilanz. Selbst in Fulda regne es nicht, wenn die Sozialdemokratie komme. Im Saal verspürt man mehr als gelöste Heiterkeit. Am 22. September gehe es letztendlich auch um eine Haltungsfrage, verabschiedet sich der SPD-Spitzenkandidat. „Es geht jetzt um Ellenbogen oder Solidarität!“ Viele nicken zustimmend. „Wenn die Marktradikalen sagen, wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht, dann ist das falsch. Genossinnen und Genossen, der Wechsel ist in Sichtweite. Noch 28 Tage, 22 Stunden und 29 Minuten.“