Samstag, November 29, 2014

Sonntag, November 16, 2014

Das "Feld des Jammers" (Bretzenheim/Nahe)


Mahnmal "Feld des Jammers", Bretzenheim/Nahe
© Petra Tursky-Hartmann

FELD DES JAMMERS von Petra Tursky-Hartmann

Nach über einem Jahr des Wartens kam Mitte Oktober 2014 endlich Post von der „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“, kurz „WASt“. Seit ich den Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ gesehen habe, interessiert es mich, was meine Großeltern im „Dritten Reich“ getan haben. Klingt vielleicht seltsam, aber als ich den Brief in meinen Händen halte, fühlt es sich an wie ein verschollen geglaubtes Steinchen aus meinem Lebensmosaik.

© Peter Wilhelm Riedle (1904-1968)
Mein Opa hieß Peter Wilhelm Riedle, wurde 1904 geboren und hatte die Feldpostnummer L 29692. Eingezogen war er zur Luftwaffen-Bau-Kompanie und als Unteroffizier im „Luftgau XII“ tätig. „Beachten Sie bitte, dass die deutsche Luftwaffe – im Gegensatz zu den sonstigen Einheiten der Wehrmacht – nicht alle Versetzungen und Veränderungen gemeldet hat“, steht am Ende des zweiseitigen Schriftstücks der WASt, wo sich Orte wie Hamburg, Kirchberg, Paris, Wiesbaden-Erbenheim, Finow/Mark, die Lazarettschiffe Meteor und Fasan, dann Oslo und Bukarest aneinanderreihen. In Oldenswort endet der militärische Lebenslauf meines Großvaters, als er 1945 in britische Kriegsgefangenschaft geriet.

© Peter Wilhelm Riedle mit seiner Astoria 350 (1931)
Der in formal korrekter Amtssprache gehaltene Brief hat so wenig zu tun mit dem, was ich mit dem gutmütigen, leisen, aufmerksamen Menschen verbinde, der einmal mein Großvater gewesen ist. Vor dem Ersten Weltkrieg, noch in der Kaiserzeit in Roxheim bei Bad Kreuznach geboren, hat er während der Weimarer Republik mit großer Leidenschaft Baustatik am Rheinischen Technikum in Bingen studiert. Finanziert von seinem Vater Peter Riedle, meinem Urgroßvater und gestrengen Familienpatriarchen, um den sich Anfang der Sechzigerjahre der gesamte Kosmos unseres vielköpfigen Familienlebens mütterlicherseits drehte. Der alte Herr war Bauunternehmer in Bad Kreuznach gewesen und hatte seinem Sohn den Berufswunsch, Prüfingenieur zu werden, erfüllt. Glückliche Menschen, denke ich immer wieder, wo Beruf und Berufung zusammenfallen. Die exakte Berechnung der Standsicherheit von Anlagen, Brücken und Bauwerken hat meinen Opa immens angetrieben.

1964 in Bingen am Rhein © Peter Wilhelm Riedle
Als Kind genoss ich das Privileg, ihn nahezu täglich nach dem Kindergarten oder der Schule auf „unsere“ Baustellen begleiten zu dürfen. Ausfahrten mit ihm betrachtete ich als gemeinsame Arbeitstermine. Und konnte deshalb wohl hautnah die Faszination, die Zeichnungen und Zahlen auf ihn ausübten, miterleben. Wobei mir persönlich die Abnahme von Kirmesfahrgeschäften, sogenannte Fliegende Bauten, im Auftrag des TÜV zugegebenermaßen am besten gefiel, weil dieser „Job“ immer mit Freifahrten auf nostalgisch anmutenden Doppelstockkarussells mit wunderschön bemalten Holzpferden und dem wohlwollenden Grinsen von sogenannten Schiffschaukelbremsern einherging. Ausgestattet mit Zuckerwatte und der ein oder anderen guten Flasche Nahewein, traten der Opa und ich an solchen Tagen dann sehr beschwingt die Heimfahrt an.

Kriegsgefangenenlager Bretzenheim/Nahe 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Und immer mal wieder passierte es an solchen Tagen, wenn wir mit seinem Auto in unsere Hofeinfahrt einbogen, dass dort wildfremde Menschen am Zaun standen. Meist grüßten diese Männer kurz und verschwanden dann wortlos. Manchmal wanderte ihr Blick verkniffen suchend über unseren Garten Richtung Hühnerfarm. Manchmal wischte sich der ein oder andere verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln. Und einige wenige überwältigte die Situation und machte sie total fassungslos. Gelegentlich fragte uns einer dieser Männer über die von der Oma akkurat gestutzte Ligusterhecke, ob wir uns an das Lager erinnern könnten? Mein Opa nickte dann. Ja, sicher konnte er. Irgendwie jeder in unserem Dorf konnte das. Wobei die Leute in Bretzenheim nicht wirklich gerne darüber redeten. Bis Fips 1964 zurückkam, ein schlichtes Holzkreuz am Rand der B 48 zwischen Bretzenheim und Bad Kreuznach in den Acker schlug und die Vergangenheit so, als ob sie nie wirklich vergangen gewesen sei, mit Macht in die Gegenwart zurückdrängte.

24 "Cages" des Lagers Bretzenheim im April 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Das Holzkreuz stand an der Stelle, wo im April 1945 amerikanische Streitkräfte begonnen hatten, 200 Hektar Land zwischen Bretzenheim, Winzenheim und Bad Kreuznach mit einem drei Meter hohen Stacheldrahtzaun einzuzäunen. Anschließend unterteilten sie die Weizenfelder und Zuckerrübenäcker in 24 sogenannte Cages und belegten diese „Käfige“ mit deutschen Kriegsgefangenen.

Weibliche Gefangene im Lager Bretzenheim 1945 -
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Als Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 kapitulierte, zählte das sogenannte Rheinwiesenlager Bretzenheim der „Prisoner of War Transient Enclosures“ (PWTE) bereits über 100.000 Gefangene. „Da saßen die Frauen“, sagte meine Mutter einmal und deutete auf den großen Kirschbaum, dessen Äste aus unserem Garten in das direkt angrenzende Lager ragten.

1962 im Garten meiner Großeltern © Peter Wilhelm Riedle
Am 10. Juli 1945 übernahmen die französischen Streitkräfte dann das Camp von den amerikanischen Soldaten, und Major Shesnell bezog als Kommandant das Haus meiner Großeltern. Als sich am 31. Dezember 1948 die Tore des Kriegsgefangenenlagers für immer schlossen, blieb mitten in den Äckern ein zerfallenes Schwimmbecken zurück, in dem wir uns mit den Kindern unserer Straße zum Spielen verabredeten. Warum es ein Becken ohne Wasser inmitten eines riesigen Weizenfeldes gab, darüber hüllte sich unser Dorf in tiefes Schweigen.


Quick, 1959 "Die Hölle hiess Kreuznach"
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Fips hieß eigentlich Fritz Schuler und war von Beruf Schauspieler gewesen – schon lange bevor er als „Fypsilon“ im Bretzenheimer Kriegsgefangenenlager mit der Schauspielgruppe „Die Optimisten“ auftrat. Er sollte einer der wenigen sein, die bis zum letzten Tag inhaftiert blieben, weil – so die Vermutung der amerikanischen und französischen Besatzer – Künstler im Nationalsozialismus nur mit einem „Ariernachweis“ haben auftreten dürfen. Und somit das System mittels Schauspielkunst aus echter Überzeugung stabilisiert hätten.


Ankündigungsplakat "Die Optimisten" 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim
Den Nachweis einer „rein arischen Abstammung“ hatte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, ab 1933 übrigens zwingend für alle Beamten, den gesamten öffentlichen Dienst, für Ärzte, Juristen und Wissenschaftler vorgeschrieben. Gleiches galt für Künstler und Mitglieder in Berufsverbänden. Also auch für Architekten und Prüfstatiker. „Das ist noch nicht mal das Papier wert, auf dem es geschrieben steht“, hatte mein Opa meine Frage, was das sei, mit abwertender Handbewegung weggewischt, als ich die grüne Kladde mit zahllosen Abschriften von Urkunden aus Stamm- und Taufbüchern aus Bad Kreuznach, Burgsinn, Frankfurt am Main und Köln-Ehrenfeld neugierig aus seinem Tresor gefischt hatte. „Der Didi hat das nicht zusammenbekommen. Damit war für mich das Dritte Reich erledigt.“ Er versuchte, die Sache einfach zu bagatellisieren, doch an den großen weiß-grauen Zigarrenkringeln, die er sichtlich erregt in die Luft paffte, konnte ich recht gut ablesen, dass die Sache in keinster Weise erledigt war. „Solche Papiere sagen rein gar nichts über einen Menschen“, hat er mir mit strengem Blick durch die dicken Gläser seiner Brille eingeschärft und dann die Akte mit tief gerunzelter Stirn unter einem dicken Stapel Blaupausen vergraben. „Nichtarier“ waren ab 1933 mit einem Berufsverbot belegt worden. Was im Nationalsozialismus fast einem Todesurteil gleichkam.


Peter "Didi" Dietrich - Wasserkuppe Segelflug-WM 1937
© Peter Wilhelm Riedle
Didi hieß eigentlich Peter Dietrich und war der beste Freund meines Großvaters gewesen. Gemeinsam hatten sie während der Weimarer Republik die Leidenschaft für den noch jungen Luftsport geteilt. Mein Großvater hatte bereits während seines Studiums die „Akaflieger“ kennengelernt und war seitdem der Faszination des Segelfliegens erlegen.

Segelflug-WM 1937 - Rhön, Wasserkuppe
© Peter Wilhelm Riedle

Als die „Minimoa“ und der „Rhönsperber“ mit ihren charakteristischen Knickflügeln über die Fachpresse hinaus in den damaligen Medien Furore machten, pilgerten die beiden Freunde im Juli 1937 mit meiner fünfjährigen Mutter im Schlepptau zur ersten Segelflug-Weltmeisterschaft auf die Wasserkuppe. Und erlebten live, wie Heini Dittmar seine fliegerische Laufbahn als Segelflugweltmeister krönte.

Heini Dittmar und Hanna Reitsch, Wasserkuppe 1937
© Peter Wilhelm Riedle

Seine persönlichen Eindrücke von solchen Ausflügen hat mein Großvater mit seiner Leica kontinuierlich auf Zelluloid gebannt. Ja, er liebte es, zu fotografieren. Nach dem Tod meiner Oma habe ich in ihrem Nachlass sein Fotoalbum von 1931 gefunden, wo die beiden mit seiner Astoria bis Berlin gefahren waren. Ein undatiertes Foto in diesem Album zeigt die 245 Meter lange „Hindenburg“ über dem Haus meiner Großeltern in Bretzenheim. Wobei ich mich gefragt habe, wie sie den 6. Mai 1937 am Radio erlebten, als die „LZ 129“ in Lakehurst in einem Feuerball explodierte? Kann man es mit dem 11. September 2001 vergleichen, der sich mit dem Anschlag auf das World Trade Center in mein Gedächtnis eingebrannt hat? Und welche Ereignisse und Katastrophen bleiben überhaupt individuell und kollektiv im Gedächtnis von Menschen haften?


"Hindenburg" über dem Haus meiner Großeltern © Peter Wilhelm Riedle


Es sollte nicht beim Holzkreuz von Fips und einem Kranz am Rande des Ackers bleiben. Gemeinsam mit Max Dellmann, dem evangelischen Pfarrer von Bretzenheim, gründete Fritz Schuler das „Kuratorium Mahnmal“. Dann fragten sie meinen Großvater, ob er das Projekt unterstützen wolle. Denn das schlichte Kreuz sollte einer würdigeren Gedenkstätte weichen.



Mit Anna Kubach-Wilmsen 2010 im Steinskulpturenmuseum der Fondation
Kubach-Wilmsen in Bad Münster am Stein © Petra Tursky-Hartmann


Als im September 1965 das junge Bildhauer-Ehepaar Kubach-Wilmsen seinen Entwurf für das „Feld des Jammers“ präsentierte, war die Entscheidung gefallen. Mein Großvater war von dem Entwurf begeistert, griffen doch die Seitenwände der Gedenkstätte die zahllosen Erdlöcher auf, in die sich 1945 Zigtausende Kriegsgefangene aus Schutz vor Hitze und Regen eingegraben hatten.

Mahnmal "Feld des Jammers", Bretzenheim/Nahe
© Petra Tursky-Hartmann

Das neun Meter hohe Kreuz in der Mitte sollte eine Dornenkrone tragen. Zur Erinnerung, dass das Lager komplett von Stacheldraht eingezäunt gewesen war. Im Juli 1966 hatte mein Opa die statische Prüfung des Mahnmals abgeschlossen. Nach seinen Berechnungen war die Standsicherheit des Kreuzes bei nahezu allen Windstärken gewährleistet.


Statische Berechnung des Mahnmals 1966
© Dokumentationsstelle Bretzenheim

In zwei Jahren, am 2. Oktober 2016 wird das Mahnmal dann fünfzig Jahre unverrückt zwischen Bretzenheim und Bad Kreuznach stehen. Es sollte der Welt zeigen, „dass Ehrfurcht und Leiden stärker sind als Hass“, hatte Dr. Severin für die Landesregierung von Rheinland-Pfalz den mehr als 1.000 Gästen bei der Einweihung am 2. Oktober 1966 mit auf den Weg gegeben. Und Max Dellmann, der ehemalige Lagerpfarrer, hatte sich in seiner Laudatio bei seinen Mitstreitern im Kuratorium mit einer sehr bewegenden Rede bedankt.



Berichterstattung Öffentlicher Anzeiger 1966
© Dokumentationsstelle Bretzenheim

Die ehrenamtliche Mitarbeit war für meinen Großvater mehr als eine rein prüfstatische Aufgabe, die es zu lösen galt. Es war sein Weg – eineinhalb Jahre vor seinem viel zu frühen Tod –, an diesem Ort Verantwortung für dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu übernehmen. Wobei seine Gedanken über den Berechnungen und Zeichnungen immer wieder zu Didi, seinem Freund, der als sterbender Krüppel zurückgekehrt war, abgeschweift sind.


© Peter Wilhelm Riedle 1939

Wenn heute an Volkstrauertagen nun Neonazis am „Feld des Jammers“ aufmarschieren und sich auf die im Grundgesetz verbriefte Meinungsfreiheit berufen, um ihr rassistisches Gedankengut wieder aufleben zu lassen, dann haben sie die Intention der Mitglieder des Mahnmal-Kuratoriums nicht verstanden. Ja, die Rheinwiesenlager am Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland waren Gefangenenlager der USA, von Großbritannien und Frankreich. Wobei auf die Mehrzahl der deutschen Soldaten der völkerrechtlich nicht definierte Status DEF (Entwaffnete feindliche Streitkräfte) angewendet wurde. Und es leugnet auch niemand, dass die Ernährung und die hygienischen Verhältnisse in den offenen Erdlöchern auf den verschlammten Wiesen, wo die Gefangenen mangels Baracken unter freiem Himmel kampierten, schlecht bis katastrophal war.


Kriegsgefangenenlager Bretzenheim - Zeichnung 1945
© Dokumentationsstelle Bretzenheim

Aber zur Wahrheit des Kriegsgefangenenlagers Bretzenheim gehört eben nicht nur das Leiden und Sterben der hier inhaftierten Soldaten. Sondern auch der gesamte geschichtliche Kontext, aus dem heraus es überhaupt zu diesen Kriegsgefangenenlagern gekommen ist. Deshalb muss man solchen „Verirrten“ (um es höflich zu formulieren), die unter dem Vorwand der „Totenehrung“ den Nationalsozialismus glorifizieren, entschieden entgegentreten. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Und deshalb ist am „Feld des Jammers“ kein Platz für Neo- oder Alt-Nazis, rassistisches oder rechtsextremes Gedankengut. 

Mahnmal "Feld des Jammers", Bretzenheim/Nahe
© Petra Tursky-Hartmann

Samstag, November 08, 2014

Kaffeenachmittag bei der AWO Sachsenhausen am 15.11.2014

Arbeiterwohlfahrt

Ortsverein Sachsenhausen


Himmel über Schlesien

Petra Tursky-Hartmann (Krimi-Autorin Hanna Hartmann) geht mit uns auf eine fotografische Reise durch Schlesien und wie es sich heute, nach den Wechselfällen durch die Geschichte darstellt.



















Ihr Urgroßvater hatte nach dem ersten Weltkrieg als Bergmann auf „Louise Charlotte“ für die „Consolidirte Fuchsgruppe“ in Waldenburg unter Tage gearbeitet. Mit dem Regionalexpress ist sie im Sommer 2013 nach Wałbrzych (Waldenburg), der schlesischen Kreisstadt zwischen Riesen- und Eulengebirge mit ihren weltbekannten Steinkohlezechen gereist, um sich vor Ort vierhundert Jahre Industrie- und Kulturgeschichte anzuschauen.




















Auf ihrer Reise hat die Frankfurter Krimi-Autorin u.a. Breslau, die polnische Stadt an der Oder, die 2016 Europäische Kulturhauptstadt wird, besucht. Heute setzt Niederschlesien verstärkt auf Tourismus und Kururlaub. Der „Schlesische Hof“ in Bad Salzbrunn, ein ehemaliges Grandhotel, das 1911 von Graf Hans Heinrich XV. von Hochberg und seiner Frau Daisy, errichtet wurde, beherbergt mittlerweile ein Kursanatorium. Und auch Schloss Fürstenstein ist für Reisende nach Schlesien mit seinen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder restaurierten Barocksäle und einmaligen Wassergärten ein „Muss“.

Wer sich für eine fotografische Reise durch Schlesien und wie es sich heute, nach den Wechselfällen durch die Geschichte darstellt, interessiert, ist
wie immer zu Kaffee und Kuchen am


Samstag, den 15. November 2014, um 15 Uhr, in die Begegnungsstätte Riedhof, Mörfelder Landstr. 212 (mit Straßenbahn 14 oder Bus 61 bis Haltestelle Beuthenerstraße)

herzlich eingeladen.

Eintritt ist frei, Gäste sind herzlich willkommen!

Sonntag, Oktober 26, 2014

Wenn Politik zum Krimi wird

Zum Vorlesen auf die rote Couch
Talkrunde mit dem Bürgermeister von Nidderau


Sonntag, Oktober 19, 2014

Samstag, September 27, 2014

35 Jahre nach dem Abitur - Unser Klasse am Lina-Hilger-Gymnasium in Bad Kreuznach

Abiklasse Lina-Hilger-Gymnasium 1979

Abiklassentreffen Lina-Hilger-Gymnasium 1994

Abiklassentreffen Lina-Hilger-Gymnasium 2012


Abiklassentreffen Lina-Hilger-Gymnasium 2014

Mittwoch, September 24, 2014

Danke den Hessentagshelfern 2014


Wiedersehen im Hessischen Landtag. Wir waren ein tolles Team. Danke allen Hessentagshelfern, die am Stand der SPD-Fraktion in der Landesausstellung geholfen haben. Wir haben es gerockt (ohne der FDP jetzt mal zu nahe zu treten).

Samstag, August 23, 2014

Sommer in Danzig - on the Road to Freedom


Sommer in Danzig - on the Road to Freedom

"Wegen Gewitter wird sich der Abflug nach Danzig auf 16.30 Uhr verschieben", entschuldigt sich die Lufthansa-Mitarbeiterin am Check-in. Das entlockt mir spontan ein seeehr breites Grinsen. "Möchten Sie einen Fensterplatz?" Das ist dann doch eine Überraschung, denn bei der Onlinereservierung war mir nur ein Mittelplatz in der vorletzten Reihe angeboten worden. Sie labelt meinen Koffer und reicht mir lächelnd die Bordkarte. "Reihe 6F, der Fensterplatz. … Ich wünsche Ihnen einen guten Flug."


Fensterplätze sind was Feines. Zum Beispiel, um die Zeit an sich vorüberziehen zu lassen. Oder zuzuschauen, wie Flugzeuge in Parkpositionen hinein- und wieder herausgezogen werden. Da auf mich heute niemand wartet – lediglich der Doorman, der mir den Schlüssel für das Apartment im Jachthafen von Danzig aushändigen soll –, genieße ich den Ausblick auf Sommerferien an der polnischen Ostsee. Mein Opa Theo wurde 1916 in Danzig, der Stadt mit dem weltberühmten Krantor, geboren. Mitten im Ersten Weltkrieg. Seitdem ist fast ein Jahrhundert vergangen. Um sich endlich einmal die Stadt anzuschauen, kommt es auf ein oder zwei Stunden Verspätung dann auch nicht mehr an.


Trotz der Verzögerung ist die Flugreise immer noch deutlich schneller als eine vergleichbare Reise mit dem Zug. Da wäre nämlich, rein theoretisch, bereits heute Morgen um 9.13 Uhr Abfahrt gewesen. Nach Berlin, wohlgemerkt. Um dort - bei meinem Glück bezüglich Reisen mit der Deutschen Bahn - den Anschlusszug an die polnische Ostsee dann auch noch zu erwischen. Was, immer noch vorausgesetzt, es hätte alles planmäßig geklappt, summa summarum zwölf Stunden gedauert hätte. Wenn ich allerdings als Maßstab die Zeit nehme, die meine kleine Pendlerseele jede Woche zwischen Frankfurt und Wiesbaden in der S-Bahn verbringt, dann sind zwölf und mehr Stunden auch nicht mehr die Welt.


Ich bewundere voller Respekt die beiden Männer, die vor mir eingecheckt haben, wie sie sich artig in das von einem bekannten Zigarettenhersteller gesponserte Reservat aus Plexiglas trollen. Da drin ist er also eingefangen, der "Duft der großen weiten Welt" des 21. Jahrhunderts. Im letzten Jahrhundert, als ich noch als Flugbegleiterin gearbeitet habe, waren Flugzeuge einfach der Länge nach in "L" und "R" aufgeteilt. "R" bedeutete "Rechts" in Flugrichtung und stand für "Raucher". Daran haben sich in der Kabine fast alle gehalten. Bis auf den herumwabernden Zigarettenqualm.


Meine Sitznachbarin in der 737 mustert interessiert mein Handy mit dem kleinen roten Cleaner. "SPD?", fragt sie amüsiert. Ich nicke. "Ich war mal bei Solidarność", zwinkert sie mir zu. Das klingt eindeutig spannender als: "Ich bin bei der Sozialdemokratie." "... aber ich musste abhauen", flüstert sie verschwörerisch, und ihr Blick schweift über die Wolkengebilde hinter der Scheibe. Vergnügt stelle ich fest, dass sich das Tauschgeschäft mit dem Fensterplatz bereits jetzt gelohnt hat.


"Ich heiße Elena", stellt sie sich vor. "Meine Tante hat neben dem Wałęsa gewohnt. Da bin ich dann irgendwann auch dabei gewesen." Ich mustere sie interessiert, doch sie rührt stirnrunzelnd in ihrer Kaffeetasse. "Das war vielleicht ein Macho", bemerkt sie abrupt und pustet kopfschüttelnd eine ergraute Locke aus der Stirn.


Die Stewardess reicht tiefgekühlten, abgepackten Apfelkuchen. "Schmeckt das?" Skeptisch stupst Elena mit ihrem Zeigefinger in die Verpackung des Teilchens. Mir gefallen ihre hellwachen Augen. "Ich hab den Männern kein Essen auf die Werft gebracht", fährt sie nach einer Pause fort. "Die Tante, ja, die hat das gemacht. … Die anderen Frauen auch. Aber ich, nee, nee. Ich hab lieber Schreibarbeit gemacht. … Essen bringen ging gar nicht."


Ich erzähle ihr, dass ich von 1980 bis 1992 als Stewardess gearbeitet habe. Sie seufzt mitleidig und streicht schweigend mit ihren feingliedrigen Händen über die knisternde Folie. "Ich bin froh, dass es Solidarność gab", versuche ich, Elena zum Weiterreden zu animieren. Doch die zuckt nur skeptisch mit den Achseln. "Profitiert haben andere", resümiert sie. "Für mich kam das alles zu spät. Jetzt bin ich Rentnerin ..." Das klingt irgendwie traurig.


Die Gewitter hätten sich verzogen, erzählt uns kurz vor der Landung der ansonsten recht einsilbige Copilot. Nur ein Regenbogen steht über der Landebahn, als wir um sechs mit der 737 am Lech-Wałęsa-Flughafen aufsetzen.


Danzig - mittelalterliche Hansestadt mit Flair

"Gdańsk" ist mit knapp einer halben Million Einwohner "die" angesagte Hansestadt an der polnischen Ostsee. Beim ersten Spaziergang über den "Długi Targ", den ehemaligen Königsweg, begeistert mich das himmelblaue Jugendstil-Glasdach der Post, wo man bis 21.00 Uhr Briefmarken kaufen kann. Vorausgesetzt, man hat eine Wartenummer gezogen und versteht, wann man aufgerufen wird.


Die Atmosphäre in den engen Gassen der Altstadt lässt an diesem schönen Sommerabend offensichtlich niemand unberührt. Die Cafés und Bars am Langen Markt und rund um die Marienkirche sind voll besetzt mit unglaublich vielen jungen Leuten, deren europäisches Stimmengewirr ein Flair von fröhlich-überbordender Lebensfreude erzeugt.


In krassem Gegensatz dazu stehen die schwarz-weißen Fototafeln im Langgasser Tor, die Danzig im Frühjahr 1945 zeigen. Theo ist Anfang der Fünfzigerjahre in unserem 500-Seelen-Dorf im Hunsrück als "Kriegsversehrter" gestrandet. Über seine Odyssee von der polnischen Ostsee in den westdeutschen Hunsrück hat er - zumindest mir gegenüber – nie ein Wort verloren. Liegt hier vielleicht der Schlüssel, warum er sich in den Siebzigerjahren mit unfassbar viel Herzblut für Willy Brandts Friedenspolitik engagiert hat?


Das rote Backsteinhaus an der Karthäuser Straße 47, wo mein Opa bei Kriegsende offiziell noch gemeldet war, hat die "Schlacht um Ostpommern" weitestgehend intakt überstanden. Doch die Arbeitersiedlung berührt mich genauso wenig wie das Haus, wo meine Oma bis 1945 in Schlesien gelebt hat. Entwickelt man vielleicht nur eine Beziehung zu Orten, die man selbst erlebt hat?


Um die Wohnungsnot im real existierenden Sozialismus in den Griff zu bekommen, haben die Danziger Stadtplaner in den Siebzigerjahren rund um die "Obrońców Wybrzeża" die berühmten "Falowiec" errichtet. Das längste der insgesamt acht Wellenhäuser hat elf Stockwerke mit vier Segmenten und jeweils 110 Apartments. Macht umgerechnet 6.000 Mieterinnen und Mieter auf einer Länge von knapp einem Kilometer. Mit dem längsten dieser "Arbeiterschließfächer" könnte man problemlos das Mainufer in Frankfurt von der Untermain- bis zur Alten Brücke abriegeln.


Mich begeistert die Atmosphäre des 754. Dominikanermarktes mit seinen Open-Air-Aufführungen und unzähligen Ständen mit Bernsteinschmuck. Auch der "Markt der Köstlichkeiten" ist grandios. Das wäre etwas für Mark, denke ich spontan, der mir geschrieben hat, dass ich auf jeden Fall das berühmte Goldwasser kosten solle. Der kulinarische Renner, wenn ich das an der Länge der Warteschlange festmache, sind riesige Bauernbrotscheiben mit Schmalz, auf die dampfendes Gulasch geschöpft und mit Gurkenscheiben kreuz und quer belegt an die heißhungrig scharrende Kundschaft gereicht werden.


Eine Gruppe junger Esten, Letten und Litauer fordern mich mit ihren polnischen Freunden auf, den gusseisernen Hahn am Uphagen-Haus zu berühren. Das, so versichern sie mir in sehr lustigem Englisch, soll Glück bringen.


Über den Königsweg geht’s am Neptunbrunnen zurück in den Hafen. Einer Legende zufolge ist der Meeresgott für das sagenhafte Danziger Goldwasser verantwortlich. Verärgert über die Geldstücke, die Touristen immer wieder in seinen Brunnen geworfen hätten, habe es Neptun irgendwann gereicht und er habe zornig mit seinem Dreizack aufs Wasser geschlagen. Dabei seien die Münzen in winzige Goldpartikel zersprungen, die seitdem durch den 40-prozentigen Kräuterlikör (der übrigens heute in Deutschland produziert wird) schweben.


Vor dem Artushof, dem Sitz einstmals wohlhabender Kaufmannsbruderschaften, spielen zwei junge Straßenmusiker hinreißend Geige. Was mich sehr berührt. Ich fühle mich plötzlich in meine Schulzeit Anfang der Siebzigerjahre zurückversetzt. Als ich mit einem Klumpen Ton für den Kunstunterricht eine Hausfront gestalten sollte. Also eine ganz normale "deutsche" Hausfront. So wie Hausfronten in Westdeutschland 1971 und 1972 eben ausgesehen haben.


Der Theo hat damals immer Hausaufgaben mit mir gemacht. So richtig zufrieden mit meinem Tongebilde waren wir beide nicht. Er hat dann im Radio nach klassischer Musik gesucht und angefangen, Hausfronten zu skizzieren. Und ich hab die, die ich am schönsten fand, nachmodelliert. Bis wir beide zufrieden waren. Doch erst hier, im Sommer 2014 in Danzig, wird mir bewusst, dass mein Opa die Bürgerhäuser mit ihren charakteristischen Regenrinnen, die in Wasser speienden Drachenköpfen enden, als Vorlage genommen hatte.


Ich weiß nicht, welches Bild Theo von Danzig, das 1945 in Schutt und Asche versank, nach dem Zweiten Weltkrieg auf seine Reise in den Westen mitgenommen hat. Das innere Bild aber, das er sich von seiner Geburtsstadt bewahrt hatte, war so unversehrt wie das, was ich an diesem lauen Abend im Sommer 2014 erlebe. Ich habe mich dafür bei ihm in Gedanken in der Sankt Peter und Paul Kirche bedankt, als die "Polish Baltic Frédéric Chopin Philharmonie" zum Spendenkonzert für den Wiederaufbau der im Krieg verbrannten Orgel eingeladen hatte.


"Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen"

Die meisten von uns haben diesen Satz und die schnarrende Stimme von "unserem Führer" durch die zahllosen Fernsehdokus über den Zweiten Weltkrieg sicher irgendwie im Ohr. Als Hitler "Von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!" im Reichstag ins Mikrofon gebrüllt hat. Wie der Krieg, der hier in Danzig, an der Westerplatte, am 1. September 1939 dann begonnen hat.


Übrigens um 4.45 Uhr – und nicht wie von Hitler behauptet eine Stunde später – hat die "Schleswig-Holstein" das Feuer auf den Wachposten eröffnet. Für die Polen ist das 1966 an dieser Stelle errichtete Denkmal eines ihrer zentralen Symbole für den Widerstand gegen Nazi-Deutschland.


Es wurde - der Vollständigkeit halber – auch nicht "zurückgeschossen", sondern angegriffen. Die deutsche Lüge war, ein paar Polen hätten den Sender Gleiwitz überfallen, da habe man sich eben gewehrt. Richtig ist, dass die SS drei KZ-Häftlinge getötet und zum Beweis in polnische Uniformen gesteckt hatte. "Ich habe nur Angst", soll Hitler am Abend davor in vertrauter Runde noch gesagt haben, dass ihm "im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt". Am Tag darauf überrennen 1,5 Millionen deutsche Soldaten ihren polnischen Nachbarn.


Allein in Europa sterben zwischen 1939 und 1945 über neunzehn Millionen Soldaten und fünfzehn Millionen Zivilisten. Hinzu kommen neun Millionen Menschen, die in Lagern ermordet werden oder an Hunger, Kälte oder Krankheit sterben. Zu den Opfern zählen auch die 9,5 Millionen nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter. An all das erinnert die Westerplatte.


Auf den Stufen zum Mahnmal, das einem in die Erde gerammten Schwert nachempfunden wurde, wird mir klar, dass ich, als Deutsche, den berühmten "Schlussstrich" nicht werde ziehen dürfen. Wobei "meine" deutsche Vergangenheit in diesen Sommertagen in Polen offensichtlich niemand mehr zu interessieren scheint. Bis auf den martialisch tätowierten Typen mit kahl rasiertem Schädel und bulligem Stiernacken vom Danziger Flohmarkt. Der mich in mindestens einer Sprache, der ich nicht mächtig bin, so richtig flott gemacht hat, als ich seine "Andenken" an die SS und die jüdischen Lager fotografiere. Wobei ich mich hinterher sehr wohl gefragt habe, ob ich als Deutsche in Polen das Recht gehabt hätte, mich darüber vor einem Polen moralisch zu entrüsten.


Europas Weg zurück in die Freiheit

Der erboste Militaria-Händler bleibt jedoch die unrühmliche Ausnahme meiner Begegnungen. Die anderen Polen, die ich am Strand oder beim Essen kennenlerne, wollen mit mir nicht mehr über den Zweiten Weltkrieg reden. Ihnen ist "Solidarność" wichtiger. Und Steinmeier und Merkel. Und sie wollen wissen, was ich von der Ukraine-Krise und dem Agrar-Boykott der Russen halte. Und zwischen den Zeilen spüre ich ihre Sorge, ob Europa und insbesondere die Deutschen – sollte sich die Krise an der polnisch-ukrainischen Grenze unseres NATO-Partners zuspitzen - dann als Bündnispartner und Nachbar beistehen.


Ich habe mich in solchen Momenten immer wieder gefragt, warum mich meine Nachbarn im Osten bislang viel weniger interessiert haben als Franzosen, Holländer oder Österreicher. Lag das nur am "Eisernen Vorhang" und der jahrzehntelangen Teilung Europas? Oder auch am Schweigen meiner Großeltern über das, was vor 1945 passiert war?


Das Jahr 2014 ist ja reich an Gedenktagen: 100 Jahre Erster Weltkrieg, 75 Jahre Zweiter Weltkrieg, 25 Jahre Zusammenbruch des Ostblocks. An diesem 3. August jährt sich allerdings auch der 70. Jahrestag des Aufstandes der Warschauer gegen ihre deutschen Besatzer. Zur Erinnerung donnert eine Kunstflugstaffel der polnischen Luftstreitkräfte im Tiefflug über die Danziger Werft. Was wäre heute, wenn die Rote Armee 1944 den aufständischen Polen zu Hilfe gekommen wäre, anstatt abzuwarten, bis Hitlers Schergen die Stadt dem Erdboden gleichgemacht hatten? Als "treuer Vasall der Sowjetunion" haben die Polen ihre Wut über diesen Verrat jahrzehntelang totschweigen müssen.


So wie in Danzig die Westerplatte für die Teilung Europas steht, so stehen die Danziger Werft und die „Solidarność“-Bewegung für den Zusammenbruch des Ostblocks und die ersten freien Wahlen der Polen im Juni 1989.


Mit Esther und Marcus besuche ich das unterirdische Bildungszentrum der "Solidarność", den "plac Solidarności" mit dem Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter und die BHP-Halle, die betriebsübergreifenden Streikkomitees Anfang der Achtzigerjahre als Tagungsort diente. Wobei der "Sala BHP" mit seiner braunen Holzvertäfelung und dem frisch gebohnerten Parkett viel von der Atmosphäre eines SPD-Unterbezirksparteitags in der Frankfurter Nordweststadt verströmt.

Über Malbork und Elblag nach Frombork

Ich verlasse Danzig für einen Tag, um an der Ostsee weiter nach Norden zu fahren. Mit Zug, Bus und Sammeltaxi geht es Richtung Kaliningrad. Immer am Frischen Haff entlang bis ins ehemalige Frauenburg, dem heutigen Frombork. Durch Orte hindurch, die nach "Herr der Ringe" klingen und irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheinen.


Hier oben, auf dem Domhügel von Frauenburg in Ermland-Masuren, hat Nicolaus Kopernicus im 16. Jahrhundert seine Theorie eines heliozentrischen Weltbildes entwickelt. Nicht die Sonne, so der damalige Domherr und Astronom, kreise um die Erde, sondern umgekehrt.


Damit stellte er das auch von der katholischen Kirche verbreitete geozentrische Weltbild des Ptolemäus infrage. Und erntete viel Widerspruch, wie zum Beispiel von Luther, dem Reformator, der Kopernicus mitteilen ließ "... und wie die Heilige Schrift zeigt, hieß Josua die Sonne stillstehen und nicht die Erde!"


Die Kühle im Dom empfinde ich an diesem schwül-heißen Sommertag als ausgesprochen angenehm. Doch auch hier oben, kurz vor dem Ende einer mir bislang bekannten Welt, hat die Schlacht um Ostpreußen ihre hässlichen Spuren hinterlassen. In einer Kiste im Kopernicus-Museum. Wo Tausende von Bruchstücke der berühmten Fenster der "Auferstehung" von Machhausen (der im 19. Jahrhundert auch die Fenster im Frankfurter Dom gestaltet hat) zusammengewürfelt wurden und doch nie wieder etwas Ganzes werden. Die bunten Glassplitter erinnern mich an Tom Schilling und den Film "Unsere Mütter, unsere Väter". Wie er als Friedrich seinem Bruder Wilhelm zu Beginn des Unternehmens Barbarossa unheilvoll prophezeit: "Krieg bringt nur das Schlechteste in uns hervor."

 


Einmal nach Hel und zurück

Die letzten Tage meiner Ferien entspanne ich im mondänen Zoppot. Bei 30 bis 36 Grad, Sonnenschein und feinem weißen Sand lasse ich die Seele baumeln.


Die Polen lieben ihr entzückendes Seebad. Mit der 511 Meter langen Mole, wo die "Flanierkarte" 7,50 Złoty kostet. Das sind weniger als zwei Euro, und somit für mich ein sehr erschwingliches Vergnügen.


Die "Kinski Bar" im Haus, wo der Schauspieler 1926 geboren wurde, erweist sich gegenüber den Lobpreisungen meines Reiseführers leider nur als muffig-modriges Etablissement. Aber Klaus Kinski ist nun ja auch schon seit 1991 tot.


Im Reiseführer wird der Ort "Hel" auf der Halbinsel gegenüber Danzig, Zoppot und Gdingen als idyllisches Paradies für Surfer mit einsamen Stränden gepriesen. Klares, sauberes Wasser, feinkörniger Sand, keine lästigen Quallen. Allerdings haben an dem Tag, als ich mit dem Wassertaxi auf das Eiland übersetze, gefühlt auch 100.000 Polen die gleiche Idee gehabt.


Ganz spurlos ist der Zweite Weltkrieg an Hel - oder Hela, wie die Polen sagen - auch nicht vorbeigegangen. Doch ein Programm der EU hat die ehemaligen Bunker und Schießscharten im Kiefernwald im Rahmen eines Umweltprogramms als "begehbares" Museum revitalisiert.


Auf dem Weg zum Strand hängen Plakate für die anstehenden "D-Days", die ein amerikanischer Getränkehersteller sponsert. Klingt vielleicht ein bisschen skurril, aber wenn ich Russin wäre, wäre ich über die Wahl des Sponsors jetzt sicher leicht verschnupft.


Der letzte Abend führt mich zum Abschied in die "Bar Przystan", die definitiv den besten Dorsch an der polnischen Ostsee zubereitet.


Während ich draußen mit Blick auf den Strand auf mein Essen warte, mustert mich meine Tischnachbarin interessiert. Sie heiße Daniela, stellt sich die Frau vor. Beziehungsweise ihr Sohn, der ungefähr so alt ist wie ich, muss für sie übersetzen. Sie könne leider kein Englisch, entschuldigt sie sich. Das sei hinter dem Eisernen Vorhang "verboten" gewesen.


Wobei sie "verboten" sehr klar, und für mich unerwartet, auf Deutsch sagt. Ihr Sohn zuckt merklich zusammen. Seine Mutter, erklärt er mir, sei 1933 in Łódź geboren. "Litzmannstadt", ergänzt Daniela plötzlich sehr pointiert und mit blitzenden Augen. Ich verstehe, was sie gesagt hat. Und was sie eigentlich gemeint hat. Als ich über den Tisch nach ihrer Hand fasse und mich entschuldige, wirkt sie für einen Moment überrascht. Dann huscht ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht.