Donnerstag, April 28, 2016

Grenzerfahrungen zwischen Schweizerhäusern und Berliner Mauer


Glienicker Brücke in der Abendsonne © Petra Tursky-Hartmann

Es ist sicher ein Irrtum, denke ich. Oder es liegt an der Sonne? Und folge langsam den Kurven des frisch geharkten Kieswegs des von Lenné und Fürst Pückler-Muskau gestalteten Parks in Potsdam-Babelsberg. Doch es ist kein Spiel von Sonne und Schatten. Die Glienicker Brücke schimmert hundert Meter weiter auf Berliner Seite immer noch dunkler als auf Potsdamer Seite.

Die zweifarbige Glienicker Brücke © Petra Tursky-Hartmann

Dass das keine optische Täuschung ist, bestätigt Gerald am Abend auf dem Weg zur „Garage du Pont“, als wir bei Sonnenuntergang mit Pia über das Absperrgitter am Brückenkopf in den Westen „rübermachen“. Der Potsdamer Architekt lebt seit dem Fall der Mauer mit seiner Familie am Teltowkanal in Klein Glienicke – nahe der weltberühmten „Brücke der Spione“, die über 40 Jahre die Grenze zwischen Ost und West markierte.

Die historische Stahlkonstruktion ist auf West-Berliner Seite bereits Anfang der 1980er-Jahre saniert worden. Und auf DDR-Seite erst fünf Jahre später. Und obwohl der giftgrüne Lack aus derselben (West-)Fabrik stammte, hat man sich im Westen für den Farbton „DB 603“ und im Osten für die hellere Variante „DB 601“ entschieden. Wieso? Warum? Weiß niemand mehr so genau. Nur die Kosten für die Sanierung der Ostseite, die wurden auf zwei Millionen D-Mark veranschlagt und vom Westen übernommen. 

Zwischen Potsdam und Berlin © Petra Tursky-Hartmann

Ob die Glienicker Brücke irgendwann einmal im Einheitsgrün erstrahlt, wenn aus Korrosionsschutzgründen der nächste Anstrich fällig ist, weiß man noch nicht so genau. Denn für die Wahl des Farbtons ist der Denkmalschutz zuständig. Und wenn die Denkmalschutzbehörde die unterschiedlichen Grüntöne der Brücke „als historisch begründet“ einstufen sollte, könnte es in Zukunft laut „Potsdamer Neueste Nachrichten“ dann eben so bleiben. 

Die Brücke der Spione © Petra Tursky-Hartmann

Weltweit bekannt wurde die Glienicker Brücke jedoch nicht durch ihre unterschiedlichen Grüntöne, sondern durch den Austausch von Agenten während des Kalten Kriegs. Der englische Spitzname der Brücke hat Steven Spielberg inspiriert, 2015 an diesem historischen Ort mit Tom Hanks den Film „Bridge of Spies“ zu drehen. An die innerdeutsche Grenze erinnert heute nur noch ein dünnes Metallband im Asphalt mitten auf der Brücke.

Doch Gerald, Pia und ihre Freundin Bobbel können noch viel mehr über dieses einmalige Landschaftsensemble, das die UNESCO im Jahr 1990 zum Weltkulturerbe erklärt hat, erzählen. „Leben in Klein Glienicke ist wie wandern durch deutsche Geschichte“, strahlt die Frankfurter GrafikDesignerin Bobbel, die die Wochenenden am Rande des Ortes in ihrer Remise verbringt. 

© Jens Arndt: Glienicke - Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet

Das Dorf liege zwar auf Berliner Gemarkung, doch durch die Eingemeindung nach Babelsberg gehört es eben zu Brandenburg. Was im Kalten Krieg tief greifende Konsequenzen für die 400 Einwohner hatte, weil der Osten damals als „Sperrzone“ direkt in die West-Berliner Gemarkung hineinragte. Sie sei „Der Blinddarm der DDR“, gewesen, schrieb der Tagesspiegel 2009 über diese völlig isolierte Enklave im Grenzgebiet. 

Welche Konsequenzen das Leben hinter der Mauer an ihrer „engsten Stelle der insgesamt ziemlich engen DDR“ hatte, haben Zeitzeugen Jens Arndt für sein Buch „Glienicke. Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet“ erzählt. 

Leben im Kalten Krieg © Petra Tursky-Hartmann

Eingemauert in der „Sonder-Sicherheitszone“ musste jeder, der am Kontrollposten vorbei wollte, einen besonderen Passierschein vorzeigen. Und den bekam eigentlich nur, wer im Ort wohnte. Spontanbesuche waren vom Ministerium für Staatssicherheit nicht vorgesehen, Familienfeiern mussten Monate im Voraus geplant und beantragt werden.

Mahnmal im ehemaligen Todesstreifen © Petra Tursky-Hartmann

„Hinter unserem Garten stand die Mauer“, berichtet Gerald und zeigt ein Foto seines Hauses, wie ihr „Zimmer mit Ausblick“ vor 1989 doppelt eingemauert war. Nach dem 13. August 1961 wurden die Grenzbefestigungen am Ufer der Glienicker Lake mit einer „Vorderlandmauer“ und ein paar Meter weiter mit einer „Hinterlandmauer“ versehen. Dazwischen lag der unüberwindbare Todesstreifen. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“, hatte DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht noch am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz verkündet. 138 Menschen sind in den Jahren danach allein in Berlin bei Fluchtversuchen gestorben. Neben der einspurigen Parkbrücke am Teltowkanal Richtung Potsdam erinnern fünf Stelen an die Mauertoten hier am See.

Verschönerungs-Plan der Umgebung von Potsdam, 1833.
Nach Lenné, gezeichnet von seinem Schüler Gerhard Koeber © Wikipedia

Pia zeigt mir das liebevoll restaurierte Haus. An vielen Ecken spürt man, dass hier ein Architekt und eine Kunsthistorikerin gemeinsam am Werk war. „In Potsdam kann man alles mit dem Rad machen“, lächelt sie und reicht mir auf dem Balkon eine kühle Saftschorle. Ihre Hand holt weit aus. „Gärten und Schlösser in Potsdam, Erfrischung in den Seen, Picknick im Park, hier kannst du die Seele baumeln lassen“, schwärmt sie. Nachdenklich schweift mein Blick in den Babelsberger Schlosspark gegenüber.

Plakat im Schlosspark Babelsberg © Petra Tursky-Hartmann

Der Zweite Weltkrieg und der Eiserne Vorhang haben auch in meiner Familie tiefe Spuren hinterlassen. Meine Oma hatte, aus Schlesien kommend, 1938 mit gerade einmal neunzehn Jahren in Potsdam einen Job als Haushaltshilfe gefunden. Und hier im selben Jahr geheiratet. Ein Jahr später wurde ihr Mann zur Wehrmacht eingezogen. Als sie ihn neun Jahre später, nach seiner Entlassung aus russischer Kriegsgefangenschaft, in einem Übergangslager für Heimatvertriebene in Bayern wiedersah, waren sich die beiden bereits mehr als fremd geworden. Bis zu ihrem Tod ist sie nie wieder in die preußische „Stadt der Schlösser“ zurückgekehrt. 

Zimmer mit Ausblick auf den Schlosspark Babelsberg © Pia von Kähne

Der Kalte Krieg und das geteilte Deutschland sind in der warmen Frühlingssonne unendlich weit entfernt. Unten im Garten blühen die Apfelbäume. Und irgendwie duftet es nach Flieder. Durch die weit geöffneten Panoramafenster genießen Pia, Bobbel und ich den Frühling im „Haus am See“. Mir fällt spontan Peter Fox ein. Gegenüber am historischen Dampfmaschinenhaus hört man Arbeiter hämmern. 

Erzengel Michael im Schlosspark © Petra Tursky-Hartmann

Lenné und Pückler-Muskau haben hier im Auftrag von Kaiser Wilhelm I. und seiner Gemahlin Augusta eine wunderschöne, leicht zum See abfallende Landschaft gestaltet, die gerade von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg aufwendig rekonstruiert wird. Im Park erinnert das Standbild des Erzengels Michael im Kampf mit einem Drachen an die 1848 im Badischen Aufstand gefallenen preußischen Soldaten.

Historisches Schweizerhaus in Klein Glienicke © Petra Tursky-Hartmann

Doch auch Prinz Carl von Preußen, der Bruder von Friedrich Wilhelm IV., ließ sich vom Zeitgeist des 18. Jahrhunderts inspirieren. Damals stand die Schweiz als Synonym für ein naturnahes Lebensgefühl. Und so entstanden zwischen 1863 und 1887 unter dem Architekten Ferdinand von Arnim zehn stilechte Schweizerhäuser um den Böttcherberg in Klein Glienicke. Vier sind noch im Original erhalten, der Rest ist mehr oder weniger dem Mauerbau zum Opfer gefallen.

Das neue Parkchalet © Petra Tursky-Hartmann

Gerald und Pia haben nun ein fünftes Schweizerhaus gebaut. Aber nicht in den Alpen. Sondern hier, in Klein Glienicke, in der Louis-Nathan-Allee 9. Auf den Grundmauern, wo bis 1961 schon einmal eines stand. Ihr Parkchalet ist ein beeindruckendes Wohnhaus, das sich mit seiner holzverzierten Fassade, dem umlaufendem Balkon und schiefergedeckten Dach perfekt in den historischen Ort einpasst. Die rund 400 Quadratmeter Wohnfläche sind auf fünf Wohnungen aufgeteilt, die Pia vermietet.

Historische Steine im neuen Chalet © Petra Tursky-Hartmann

„Wir haben uns an den verbliebenen Häusern orientiert. Unser Chalet soll sich harmonisch in das Ensemble der verbliebenen Häuser einfügen“, erzählt Gerald und zeigt auf das Schweizerhaus von ihrem Nachbarn Sven, der in seinem Garten niedlich flauschige Alpakas züchtet. Sowohl bei den Materialien als auch bei der Farbgebung hat sich der Potsdamer Architekt von der Geschichte der ehemaligen Schweizerhäuser inspirieren lassen. Nur auf die spielerischen Schnörkel und Schnitzereien aus Holz wurde verzichtet.

Grenzverlauf der Mauer © Petra Tursky-Hartmann

Am Parkplatz vor dem Chalet steht die letzte Stele der Mauer, die damals rund um Klein Glienicke lief. Es ist ein mahnendes Relikt. „Das alte Schweizerhaus ist von der DDR ‚geschliffen‘ worden, weil es zu nah an der Grenze stand“, empört sich Pia. 

Gerald, Pia und Bobbel am Mauerbaum © Petra Tursky-Hartmann

Sie zeigt mir die Reste des Stacheldrahtzauns vom Sommer 1961, der im Laufe der Zeit tief in die Rinden der Eichen und Buchen eingewachsen ist. Nachdenklich streiche ich über die verrosteten Ecken der rot markierten Grenzbäume. „Geschliffen“ klingt immer noch viel zu nett für den Frevel der DDR, Menschen hinter Mauern einzusperren und gewachsene Landschaften zu zerschneiden. „Hier wieder ein Haus zu bauen war für uns eine historische Herausforderung“, sagt Gerald, und in seiner Stimme schwingt so etwas wie Stolz. Man kann den beiden nur zustimmen und sie zu ihrem Mut und ihrer Kreativität beglückwünschen.


Autorin/Fotos: Petra Tursky-Hartmann vor dem neuen Parkchalet (April 2016)


Nachtrag: Wie es um Preußens Preußens Arkadien zur Mauerzeit bestellt war und Peter Joseph Lennés "Sichtachsen" pervertiert wurden, um Fluchten zu verhindern, zeigte der rbb am 19. Juli 2016 mit "Gärtner führen keine Kriege".  

Donnerstag, April 14, 2016

BdP-Besuch bei Interxion


Interxion (sprich „Inter-Action“) zählt mit 41 Rechenzentren in  elf Ländern zu den größten Rechenzentrumsbetreibern in Europa. Am 14. April 2016 besichtigten 25 Mitglieder der Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/ Saarland das Unternehmen, auf dessen Campus eine hohe Sicherheitsstufe herrscht. Marketing-Managerin Mareike Jacobshagen, Volker Ludwig, Director Sales & Marketing, sowie Markus Steckhan, Senior Sales Consultant, standen den BdP-Mitgliedern ausführlich und engagiert Rede und Antwort.
Am DE-CIX, dem größten Internetaustauschknoten der Welt, werden derzeit im Frankfurter Rechenzentrum von Interxion pro Sekunde über 5,5 Terrabyte Daten umgeschlagen. Hier laufen die Anwendungen von Medienunternehmen, der Telekommunikationsbranche oder  der Bank- und Finanzindustrie zusammen. Auch Cloud-Anwendungen könnten Anbieter in den Rechenzentren von Interxion verwalten. Dazu vermietet Interxion Raumkapazitäten an Kunden, die eigene Server betreiben und warten. Sicherheit, Energie, eine skalierbare, ausfallsichere Infrastruktur und eine herausragende Konnektivität sind die Erfolgsfaktoren des Unternehmens - und somit auch für den Standort Frankfurt, was Markus Steckhan  bei der Führung anschaulich skizzierte.
Das Unternehmen wurde 1998 in den Niederlanden gegründet und expandierte ein Jahr später nach Deutschland. Heute profitiert man davon, ein europäisches Unternehmen zu sein, das nicht dem amerikanischen „Patriot Act“ unterworfen ist. Seit Edward Snowdon sei die Sensibilität für das Thema Datensicherheit enorm gestiegen. „Interxion ist überall dort, wo Unternehmen und Menschen Daten austauschen“, betonte Volker Ludwig. So habe man für den Frankfurter Standort das Ostend gewählt, da hier zwei große Glasfasertrassen verlaufen. „Hier - bei Interxion und auch in Frankfurt - laufen die Netze zusammen“, sagte Mareike Jacobshagen. Die Rechenzentren von Interxion „sind das Herz der digitalen Ökonomie“, so Ludwig.  Er sieht für das Unternehmen große Wachstumschancen, denn „viele Unternehmen haben die Potenziale von „Industrie 4.0“ noch nicht realisiert.“
Nach Vortrag und Führung lud Interxion zu einem Empfang ein, bei dem die Gespräche rund um die digitale Infrastruktur bis in den späten Abend fortgesetzt wurden.